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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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REISEPOLITIK

Frieden und gute Freundschaft mit den Vereinigten Staaten . Auf diePhilippinenfrage und die Vorgänge in Manila im Sommer 1898 würde ambesten gar nicht zurückgekommen. C'est un incident clos. Ich empfahl demPrinzen, wenn er nicht umhinkönne, in Amerika , wo viel öffentlich geredetwürde, öffentlich das Wort zu ergreifen, seine Ansprache vorher schriftlichzu fixieren, um vor Verdrehung und Ausbeutung seiner Worte sicher zusein. Der Amerikaner sei, und mit Recht, stolz auf die rasche und gewaltigeEntwicklung seines Landes, die kaum ihresgleichen in der Weltgeschichtehabe. Er sei ehrgeizig, ruhmbegierig, er wünsche, sein Land gelobt zuhören. Jede Kritik amerikanischer Zustände aus fremdem Munde verletzeden Amerikaner. Aber die Ehre des Besuches eines königlichen Prinzenwerde in diesem Lande, das in Flutenfrische glänze, noch mehr gewürdigtals in Europa, und gern werde der Amerikaner den Prinzen von Deutschland ,von unserem Kaiser, unserem Heer, unserer Wissenschaft und Kunst erzählenhören. In dem Gesandten von Holleben fände der Prinz einen durch lang-jährigen Aufenthalt mit amerikanischen Gewohnheiten, Stimmungen undVerhältnissen gut vertrauten, gewissenhaften und ehrlichen Mann. Ich schloßmit den Worten:,,Seit vielenjahren war keine Reise eines königlichen Prinzenvon solcher Bedeutung für das Vaterland wie diese Ihre Fahrt nach dergroßen Republik, die Columbus aus dem Ozean hervorzog." Gleichzeitiggab ich für alle Fälle dem Prinzen Heinrich ein Promemoria über die diplo-matische Vorgeschichte des Spanisch-Amerikanischen Krieges mit, umnötigenfalls perfiden Verdächtigungen der englischen Presse entgegen-treten zu können, die Deutschland beschuldigte, sich vier Jahre.vorherunfreundlich zu Amerika gestellt zu haben.

Die Reise des Prinzen verlief ohne jeden Anstoß. Die aufrichtige, natür-liche, gerade und ehrliche Art des Prinzen gefiel den Amerikanern. Wo esnötig war, ergriff er das Wort, er sprach frei von der Leber weg, aber ohneje zu entgleisen. Besonderen Beifall fand die humoristische und dabei dochtaktvolle Ansprache, die er bei einem ihm von der amerikanischen Pressegegebenen Diner hielt. Daß er Englisch wie ein Engländer sprach, kam demPrinzen natürlich zustatten. Prinz Heinrich machte seine Sache vortreff-lich, und es war geschmacklos, wenn der sozialdemokratische AbgeordneteDr. Gradnauer im Reichstagdiese Art von Reisepolitik" heftig angriff.Wollte Gott , daß wir in den traurigen und bedrängten Zeiten, die auf unserenNiederbruch vom November 1918 folgten, in Zeiten, wo wir so sehr derfreundlichen Gesinnung des amerikanischen Volkes bedurften, einen Prin-zen Heinrich hätten nach Amerika schicken können, um dort für uns zuwirken und zu werben. Das dürfte der inzwischen zum sächsischen Ge-sandten in Berlin avancierte Herr Gradnauer jetzt wohl selbst einsehen.Im fröhlichen Besitz dieser Sinekure wird er wohl auch nicht mehr mit