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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE EHEIRRUNG

nur seine gar zu ausgesprochen sächsische Mundart, sondern auch die Unbe-holfenheit seines Wesens und die läppische Art seiner Fragen und Bemer-kungen einen so komischen Anstrich gaben, daß es schwer war, ihm gegen-über den Ernst zu bewahren, der sich für den Reichskanzler im Verkehr mitBundesfürsten ziemt. Acht Tage später erschien am frühen Morgen dersächsische Gesandte Graf Wilhelm Hohenthal bei mir, um mir mit äußersterBestürzung mitzuteilen, daß die Kronprinzessin Luise mit dem Hauslehrerihrer Kinder, einem Belgier namens Giron, nach Genf durchgegangen wäre.Der Kronprinz Friedrich August, vertraute mir der Gesandte weiter an,der seine Frau nach wie vor zärtlich liebe, würde ihr herzlich gern verzeihen.Sie hätte sich aber schon mit Giron in ihrem gemeinsamen Genfer Schlaf-zimmer en deshabille für eine Pariser illustrierte Zeitung photographierenlassen. Nachdem die Frau Kronprinzessin ihre Eheirrung in so kecker Weiseaffichiert hatte, erschien die vom Kronprinzen lebhaft gewünschte Wieder-vereinigung der beiden Gatten kaum möglich. Der leidige Vorfall hat nochlange nachgewirkt und der sächsischen Dynastie sehr geschadet. Das Volkin Dresden und in ganz Sachsen nahm mit großer Wärme für die PrinzessinPartei, fürunsere Luise", wie man sie nannte. Sie war in Sachsen beliebt,weil sie sich weniger steif und hochmütig gab als ihr Schwiegervater, derKönig Georg , und ihre sehr unbeliebte Schwägerin, die Prinzessin Ma-thilde, die, übrigens ohne Grund,Schnaps-Mathilde" genannt wurde.Zur Popularität der Kronprinzessin Luise trug auch bei, daß sie nicht fürultramontan galt. Während der weise König Albert ebenso wie sein Vater,der König Johann, die Empfindungen seines ganz überwiegend evangelischenVolkes in dieser Beziehung immer sorgsam geschont hatte, galt sein Bruderund Nachfolger Georg für klerikal, und auch der gute Friedrich August unddessen geradezu verhaßter, weil allzu hochmütiger Bruder Johann Georg standen in diesem Ruf. Am ärgsten trieb es in dieser Beziehung die Schwesterdes Königs Friedrich August, die Prinzessin Maria Josefa , als Gattin desliederlichen Erzherzogs Otto, dessen Unsittlichkeit schließlich patholo-gische Formen annahm, und Mutter des einfältigen und dazu noch ver-räterischen Kaisers Karl. Sie hat durch ihre borniert antideutsche Gesin-nung während des Weltkriegs in Wien sehr geschadet. Die Söhne des KönigsFriedrich August und seiner so traurig entgleisten Gemahlin hatten dieLebhaftigkeit und Liebenswürdigkeit ihrer Mutter geerbt, affichierten ihreausgesprochen katholischen Gefühle aber demonstrativer, als dies gerade inSachsen taktvoll und nützlich war. Die Eheirrung der Kronprinzessin Luisemit ihren Folgen hat sehr erheblich dazu beigetragen, daß Sachsen immermehr zur Hochburg der Sozialdemokratie und zumroten Königreich"wurde. Kaiser Wilhelm bewährte sich während dieser Prüfung des Dres-dener Hofes als dessen wahrer Freund. Auf Wunsch des Königs Georg