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DIE ACHTSTUNDENREDE
liberale Abgeordnete Sattler den Nagel auf den Kopf, als er in seiner Rededen Antrag Kardorff als einen Akt der Notwebr bezeicbnete, da die Sozial-demokraten die Geschäftsordnung nur zur Gescbäftsbinderung benutzten.Am 13. Dezember begann um 10 Uhr vormittags die längste Sitzung desReichstags, der ich beigewohnt habe, eine neunzehnstündige Sitzung. Ichmußte dreimal das Wort ergreifen. Zuerst um die Stellungnahme der ver-bündeten Regierungen zu den in der zweiten Lesung gefaßten Beschlüssenklarzulegen hinsichtlich einer gebesserten und gesicherten Fürsorge für dieHinterbliebenen der arbeitenden Klassen wie insbesondere für die spätereEinführung einer Witwen- und Waisenversorgung: dann hinsichtlich derMindestzölle für Pferde, Vieh und Fleisch, für Roggen, Weizen und Haferund endlich hinsichtlich des vielumstrittenen Mindestzollsatzes von4 Mark für Malzgerste unter Wegfall eines anderen Zolls für andere Gerste.Ich forderte den Reichstag auf, nunmehr dem großen Werk der Tarifreformzum Segen des Vaterlandes Vollendung und Abschluß zu sichern. Als michbei den Worten „zum Segen des Vaterlandes" die Sozialdemokraten lär-mend unterbrachen, wiederholte ich mit erhobener Stimme den Schlußmeiner Ausführungen. Der Abgeordnete Barth hatte einige Tage vorher ineinem ihm nahestehenden Blatt erklärt, nur ein Reichskanzler von derUnwissenheit und Beschränktheit des Grafen Bülow könne sich einbilden,daß die Zolltarifvorlage jemals zustande kommen werde. Während derdritten Lesung der Vorlage erklärte er mit großem Aplomb, mit diesemTarif seien Handelsverträge unmöglich. Ich erwiderte ihm, ich sei ein vor-sichtiger Mann, möchte aber doch der Meinung Ausdruck geben, daß dieProphezeiungen des Herrn Abgeordneten Barth sowohl hinsichtlich derTarifvorlagen wie hinsichtlich der Handelsverträge sich nicht bewahrheitenwürden. Unter den Obstruktionsrednern der Sozialdemokratie zeichnetesich der Abgeordnete Antrick aus, der acht Stunden, von 4/4 bis 12/4,gegen den Tarif donnerte. Als er zu Ende war, klopfte ihm Bebel mitväterlichem Wohlgefallen auf die Schulter. Nicht lange nachher ließ AugustBebel , der, wie man aus den hübschen und interessanten „Memoiren einerSozialistin" von Lily Braun ersehen kann, in puncto Moral streng dachte,Herrn Antrick aus der sozialdemokratischen Partei ausschließen, weil ermit der Frau eines Parteigenossen „al tempo de' dolci sospiri" die Sündebegangen hatte, die Francesca und Paolo bei Dante im Inferno büßenmüssen. Die Sitzung schloß um 5 Uhr morgens. Ich hatte den Reichstagwährend dieser Zeit nicht verlassen.Beabsichtigte Am nächsten Tag erhielt ich von Seiner Majestät ein Telegramm, in demErhebung zum er mir „von Herzen" dankte, meinen „staatsmännischen Blick", meineFürsten ^Geduld" und mein „Geschick" pries und mir mitteilte, daß er mich in denFürstenstand erhoben hätte. Obwohl einigermaßen müde, denn ich hatte