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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EULENBURGS INTRIGE GEGEN HOCHBERG

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nisse hineinleuchten. Es handelt sich um Vorkommnisse, denen ich, durchdie Staatsgeschäfte völlig in Anspruch genommen, fernzubleiben versuchthatte und deren Zusammenhänge mir erst später ganz klargeworden sind. Inseinen Briefen hatte Eulenburg mich schon seit Jahren auf den wachsendenEinfluß der Brüder Hülsen bei Seiner Majestät aufmerksam gemacht, wasmir keinen besonderen Eindruck machte, da ich, mit ernsteren Angelegen-heiten beschäftigt, mich wenig um höfische Vorgänge kümmerte. Als derältere der beiden Brüder Hülsen, der spätere Chef des Militärkabinetts,Graf Dietrich Hülsen, als Militärattache zur Botschaft in Wien kam,fand er bei dem Botschafter Eulenburg die allerfreundlichste Aufnahme.Das verhinderte leider nicht, daß Eulenburg in seinen Briefen an den Kaiser,teils um Seine Majestät zu amüsieren, vielleicht auch, um einen möglichenRivalen rechtzeitig zu ekartieren, sich in mokanten Wendungen überHülsen und dessen vortreffliche Frau erging, die allerdings beide mit ihremausgesprochenen Berlinertum nicht ganz in die Wiener Gesellschaft paßten.Der Kaiser las die Briefe, lachte über sie und bezeichnete sie dann gewohn-heitsgemäß mit dem Vermerk:M. K.", d. h. Militärkabinett. Dort gingensie zu den Personalakten des Obersten Grafen von Hülsen-Haeseler. Alsnun Hülsen 1901 zum Chef des Militärkabinetts ernannt worden war,wurden ihm mit allen anderen geheimen Personalien auch die seinigen vor-gelegt. Er stieß dabei auf die sarkastischen Schilderungen, die sein vermeint-licher Freund Eulenburg von ihm und seiner Gattin entworfen hatte, undwurde seitdem ein erbitterter Feind unseres Botschafters in Wien . Eulen-burg, der das merkte, wollte Dietrich Hülsen wiedergewinnen und hofftedies zu erreichen, indem er dessen Bruder, den Theaterintendanten inWiesbaden, Georg Hülsen, als Generalintendanten nach Berlin brachte.Diesen Posten bekleidete damals Graf Bolko Hochberg , bis dahin einFreund von Eulenburg, bei dessen silberner Hochzeit er in einem zahlreichenKreise sein Wohl mit bewegten und innigen Worten ausgebracht hatte. Nunverwandelte sich diese Freundschaft in Feindschaft, was bei der allgemeinenAchtung, die Hochberg genoß, schon an und für sich Eulenburg nicht er-wünscht war. Noch bedenklicher war, daß dadurch auch eine völligeBrouille mit dem Freund des Grafen Hochberg, dem Fürsten RichardDohna, eintrat, der seinerzeit Philipp Eulenburg beim Kaiser eingeführthatte, jetzt aber erklärte, daß er dessen fortgesetzter- Intrigen müde seiund das Tafeltuch zwischen ihm und sich zerschneide. Fürst Dohna hatspäter sehr zum Sturz und Ruin von Philipp Eulenburg beigetragen.Wenn ich an jene oft so kleinlichen, noch öfter gehässigen und niedrigenIntrigen zurückdenke, verstehe ich alles, was große Dichter von Sophokles bis Shakespeare und tiefe Denker von Larochefoucauld und Montaigne biszu Schopenhauer über die gemeinen Triebe des Menschen und über die