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DER PIERSON-SKANDAL
Miserabilität der Welt gesagt haben. Wobei ich nicht unterlassen möchte,hinzuzufügen, daß es, wie ich überzeugt bin, in anderen Ländern, in anderenSchichten, unter anderen Verfassungsformen im Grund auch nicht andersund besser hergehen wird. Die Ursache solcher Erscheinungen Hegt sowenig in der Regierungsform wie im Klima oder in der Rasse, sie Hegt inder Schlechtigkeit der menschlichen Natur.
Um Hochberg zu stürzen, hatte Eulenburg dessen Faktotum bei derLeitung der KönigHchen Theater, den Hofrat Pierson, an verschiedenenmaßgebenden SteUen, insbesondere aber bei Seiner Majestät angeschwärzt.Pierson hatte das gehört und drohte Eulenburg mit einer Verleumdungs-klage, da er ihm auch Unterschleife bei der Kassenführung nachgesagthatte. Sehr erschrocken über diese von ihm nicht vorhergesehene Wirkungseiner Verdächtigungen, beschwor Eulenburg den Chef des Zivilkabinetts,ExzeUenz Lucanus, in einem langen, erregten Schreiben, das er mir in Ab-schrift unterbreitete, Pierson zur Rücknahme seiner Klage zu veranlassen,da ein so fataler Prozeß nicht nur ihn, sondern indirekt auch den Kaiserbloßstellen würde. Eulenburg Heß hierbei einfließen, daß er sich seit längererZeit aus Gesundheitsrücksichten mit Abschiedsgedanken trage, aberdringend bitte, ihn nicht über einen Skandalprozeß faHen zu lassen. Er seibereit, Pierson jede Genugtuung zu geben. Mir hatte Eulenburg gleich-zeitig geschrieben: „Es ist mir geradezu entsetzlich, Dir immer nur Un-gelegenheiten zu machen! Schon aus diesem Grunde ist es besser, daß ichgehe. Die dumme Angelegenheit Hochberg-Pierson nimmt für mich, aberauch für Seine Maj estät Formen an, welche mir bedenklich erscheinen.Die Klage des Pierson, der, wie ich Dir ganz im Vertrauen sagen kann, einhöchst gefährHcher Mensch ist, muß vermieden resp. zurückgezogenwerden. Ich halte das nicht für schwierig, weil Pierson Beamter ist und manihn also in der Hand hat. Habe die Güte, gleich mit Lucanus zusprechen. Du kannst Dir ja ungefähr die Wirkung eines Prozesses denken,in dem ich der Verleumdung angeklagt werde. Ich bin derart mürbe, daßDu ernstlich an meinen Rücktritt denken mußt. Ich will aus tatsächHchenKrankheitsrücksichten scheiden, aber in Frieden und würde mich aufJahre zuerst in meinem Haus am Starnberger See resp. in München etabHeren — ganz weit von aUem Getriebe, das ich nicht mehr ertragenkann. Ich bitte Dich nur flehentHch: beseitige diese scheußHche Sache, diemir so entsetzhche Aufregungen verursacht, weil ich die Enttäuschung analten, treu geglaubten Freunden nicht ertragen kann: Vergib Deinem Dichinnigst Hebenden dankbaren Philipp Eulenburg ." Einige Tage später schriebmir Eulenburg: „Es quält mich namenlos, daß ich es wiederum bin, derDir Ungelegenheiten und Sorge macht! Das soll auch ein Ende haben.Es ist das Geringste, was ich Dir aus tiefer Dankbarkeit darbringen kann: