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WEDELS LANGENSALZA-MEDAILLE
Prozeßaffäre hat durch den plötzlichen Tod Piersons einen höchst merk-würdigen Abschluß gefunden. Ob Pierson in den Himmel oder in die Höllekommen wird, weiß nur Gott, der ihn abberufen hat. Von ganzemHerzen danke ich Dir für Deine Hilfe! Wie soll ich Dir überhaupt nochdanken, mein geliebter guter Bernhard? Gott wird es Dir einst vergelten,da ich es doch nur so gering vermag." Übrigens war Phili eine Stehauf-Natur. An seiner Absicht, seinen Wiener Posten aufzugeben, hielt er hart-näckig fest. Seine Beziehungen zu Seiner Majestät aber Hieben die alten.Zu seiner silbernen Hochzeit telegraphierte ihm Seine Majestät: „Der Herrerhalte Dich dem Vaterlande, mir meinen treuen Freund und Dir die herr-liche Gattin und vortrefflichen lieben Kinder."
Als der gegebene Nachfolger für Eulenburg in Wien erschien mir derFürst Wedel Botschafter in Born, der Graf, spätere Fürst Karl Wedel, der zur Zeit desBotschafter Fürsten Bismarck Militärattache in Wien gewesen war. Der Kaiser akzep-in Wien i[ eT i e diesen Vorschlag. Karl Wedel war einer der tüchtigsten, lautersten undim besten Sinne vornehmsten Männer, denen ich begegnet bin. Ein echterOstfriese in seiner Wahrheitsliebe und seiner aufrechten, ritterlichen Ge-sinnung. Er stammte aus der hannoverschen Armee, in deren Beihen erLangensalza mitgemacht hatte. Holstein, der ihn nicht mochte, benutztedas zu gelegentlichen Verdächtigungen. „Ein Mann mit der Langensalza-Medaille kann unmöglich preußischer Botschafter werden." Ich Ueß michdurch derartige Quertreibereien natürlich nicht irremachen. Ich gedachteder schönen Worte, die in wahrhaft königlicher Art Wilhelm I. an einenOffizier aus urhannöverscher Familie richtete, der sich am Vorabend derSchlacht von Gravelotte mit einem kleinen Detachement als Schutzwachedes königlichen Zeltes für die Nacht bei ihm meldete. Als der alte Königauf der Brust des betreffenden Offiziers die Langensalza-Medaille erblickte,sagte er zu ihm: „Ich sehe, daß Sie Hannoveraner sind und Ihre Pflichtals hannöverscher Offizier erfüllt haben. Ich stelle mich doppelt gern unterIhren Schutz."
Wedel hatte sich gerade in Born durch seine offene Art große AchtungMonts und viele Sympathien erworben. Zu seinem Nachfolger wählte ich denBotschafter Grafen Monts. Das war ein arger Mißgriff. Gewiß habe ich mich zu dieserin Rom Tffgfoi nicht durch die Schmeicheleien und Huldigungen verleiten lassen,die mir Monts seit vielen Jahren mit unermüdlichem Eifer entgegenbrachte.Seine Lobhudeleien berührten mich gerade durch ihre Übertreibungen un-angenehm. Ich wählte Monts, weil ich glaubte, daß seine lebendige, witzigeArt und seine damals eher demokratische politische Bichtung ihm seineAufgabe in Born erleichtern würden. Als ich mit dem italienischen Bot-schafter Lanza von meiner Absicht sprach, Monts nach Born zu schicken,bat er mich dringend, davon abzusehen, Monts sei in der ganzen euro-