DIE RIESEN IN DER SUITE
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päischen Diplomatie für seine Taktlosigkeit und seine schlechten Manierenberüchtigt. Am nächsten Tage kam Graf Lanza noch einmal auf die Sachezurück. Er zeigte mir ein Telegramm des italienischen Gesandten in Mün-chen , dessen Meinung er eingeholt hatte und der ihm meldete, daß Montssich in München in allen Kreisen, bei Hofe, in der Gesellschaft wie in derKünstlerschaft, unmöglich gemacht hätte. Auch sei er ein verbissenerKatholikenfeind, was in Rom so wenig gefallen würde, wie es in München gefallen habe. Ich ließ mich aber auch hierdurch nicht irremachen, beharrteeigensinnig auf meinem Entschluß, und die wenig glückliche Ernennungerfolgte. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß die Dankbarkeit des GrafenAnton Monts , der nie gedacht hatte, daß er es bis zum Botschafter bringenwürde, zunächst unbegrenzt war. Er schrieb an meine Frau, wohl wisse er,daß er die große Beförderung nur mir zu verdanken habe. In freudiger Er-regung hatte er das Wörtchen „nur" dreimal unterstrichen. „Und Siewaren", schloß der Brief, „die gute Fee, die mich beschützte und meineKandidatur förderte." Letzteres war nicht einmal wahr, meine Fraumischte sich nie in Personalien. Um seiner Erkenntlichkeit auch äußerlichenAusdruck zu geben, ließ der „dankbarste und treu ergebene" Monts einenNagel, den er bei einem Spaziergang mit meiner Frau gefunden zu habenbehauptete, als glückverheißendes Symbol auf einen silbernen Aschenbechermontieren und übersandte ihn meiner Frau. Eheu! Aschenbecher und Nagelmüssen noch in irgendeiner Kommode in Flottbeck oder in der Villa Malta bei anderem alten Kleinkram hegen. Vom Grafen Monts hörte ich nachmeinem Rücktritt nichts mehr.
Anfang Mai wurde die Kaiserreise nach Rom angetreten. Es fiel mir auf,daß der Kaiser schon auf dem Anhalter Bahnhof von lauter sehr großen, Abfahrtbesonders hochgewachsenen Offizieren umgeben war: Hellmuth Moltke, mitdemKaiserDietrich Hülsen, Plessen und anderen. Unterwegs stieg der womöglich nac ^ 1 ^ omnoch größere Kleist ein, dann der General Jacoby, einer der allerlängstenOffiziere der Armee, und endlich der aller-, allergrößte, der Oberst vonPlüskow, den man in Paris, wohin er einmal in besonderer Mission gesandtworden war, „Plusquehaut" genannt hatte. Der Kaiser wollte mit diesenRiesen in Rom imponieren, was schon deshalb eine verfehlte Idee war,weil es gerade in Norditalien viele hochgewachsene Männer gibt und dieGuardia Regia, die italienische Königsgarde, aus wahren Riesen besteht.Der Gedanke war aber auch nicht sehr taktvoll, denn da der König ViktorEmanuel III. von kleiner Figur ist, war es kein glücklicher Einfall, geradeihm diese Riesengarde vorzuführen. Ich ließ es mir doppelt angelegen sein,den Kaiser um ein möglichst liebenswürdiges Verhalten gegenüber demKönig zu bitten, der, weil er selbst bescheiden auftrete, bei anderen nichtdas liebe, was die Italiener „prepotenza" nennen. So bewegte sich denn