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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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GIOLITTI

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Der Marquis Visconti-Venosta , mit dem ich bei meiner Schwieger-mutter h trois, betonte, was ich so oft von Italienern gehört hatte: daßdie Beziehungen zwischen Italien und Osterreich nicht wie diejenigenzwischen Italien und England oder zwischen Österreich-Ungarn undFrankreich ohne Gefahr um eine Nuance freundlicher oder kühler seinkönnten. Schon wegen der Vergangenheit und im Hinblick auf den Irre-dentismus würden Italien und Österreich-Ungarn entweder aufrichtigeFreunde oder zielbewußte Gegner sein. Eine ernsthafte Abkühlung deritalienisch-österreichischen Beziehungen würde bald zu direkter Gegner-schaft führen. Er, Visconti, verlange von mir nicht, daß ich beständigzwischen Österreich-Ungarn und Italien vermittle, aber ich müßte aufbeide ein scharfes Auge haben, die einen wie die anderen von Unvorsichtig-keiten abhalten.L'Autriche-Hongrie et l'Italie sont deux chevaux tresenclins ä se mordre; c'est au cocher, c'est-ä-dire ä l'Allemagne, de les fairemarcher ensemble. En somme, tout depend de l'Allemagne, de l'habilete desa politique, du doigte de son chancelier."

Der König sprach mir mit großer Sympathie und hoher Anerkennungvon dem damaligen Minister des Innern, Giolitti, der es verstünde, dieMassen zu behandeln. Die konstitutionelle Frage müsse hinter die wirtschaft-liche zurückgedrängt und eine Versöhnung zwischen der Dynastie und denbreiten Massen herbeigeführt werden. Es sei auch nicht zu bestreiten, daßnamentlich in Süditalien in sozialpolitischer Beziehung noch alles zu tunsei. Giolitti wäre ihm persönlich treu ergeben, auch zu klug, um an dieLebensfähigkeit einer italienischen Republik zu glauben. Er habe guteNerven, nie Furcht und sei der geborene Minister des Innern. Persönlichgefiel mir Giovanni Giolitti durch seine ruhige, sachliche und kühle Art.Die freundschaftlichen Beziehungen, die mich während vieler Jahre mitdiesem bedeutenden Staatsmann verbanden, wurden bei jenem römischenKaiserbesuch von 1903 angeknüpft. In den römischen Salons wurde damalsüber Giolitti wie auch über das Königspaar viel räsoniert, weil denhöheren Gesellschaftskreisen die demokratische Richtung des Herrscher-paars wie des Ministers des Innern mißfiel. Wie die Verhältnisse lagen,waren aber beide auf dem richtigen Wege. Giolitti war ein Anhänger desDreibunds und hatte für dessen unveränderte Beibehaltung den Ausschlaggegeben.

Über das Verhältnis zu Frankreich sagte mir der König, es sei sehrgut, wie das den italienischen Interessen entspräche. Bei allen italienischen Politikern, mit denen ich sprach, begegnete ich einerseits dem Wunsch,mit Frankreich gut zu stehen, damit es Italien das nötige Geld für Eisen-bahnneubauten vorstrecke und dessen handelspolitische Interessen nichtschädige. Andererseits trat mir damals noch überall die Überzeugung

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