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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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FAHRT IN DEN VATIKAN

entgegen, daß nicht nur die italienische Monarchie, sondern auch der italieni-sche Einheitsstaat gefährdet sein würde, wenn Italien allein auf Frankreich angewiesen wäre. Über Barrere sagte der König damals zum Kaiser:I do'nt like him, he is a liar and a nasty man." Es mußten große Fehlerin Wien und auch in Berlin gemacht werden, um den König in die Armevon Barrere zu treiben.

Am 3. Mai wurde die Fahrt nach dem Vatikan angetreten. Der Kaiser Besuch bei hatte dazu Galawagen und prächtige Trakehner Rosse nach Rom kommenLeo XIII. lassen, auch zwei Züge vom Regiment Gardeducorps , die vor und hinterseinem Galawagen ritten. Es war ein eigenartiges Schauspiel, Kaiser undPapst in einem der Prachtsäle des Vatikans sich gegenüber zu sehen. DerKaiser, eben 44, in voller Kraft, auch äußerlich jugendlicher als seine Jahre,voll Wärme, begeisterungsfähig, in hohem Grade impressionabel, phan-tastisch. So mag Kaiser Otto III. dem Papst Sylvester II. gegenüberge-standen haben. Leo XIII. , 93 Jahre alt, aber aufrecht und nicht gebeugt,das scharf geschnittene, ganz italienische Antlitz von marmorner Blässe,die durch sein weißes Gewand noch gesteigert wurde. Alles an ihm Geist.Sehr liebenswürdig, aber im Sinne der italienischen Gentilezza, ohne allzustarke Betonung noch Aufdringlichkeit. Seiner selbst völlig sicher. Vorallem in dem Sinne, daß kein von außen kommender Eindruck sein inneresGleichgewicht zu stören oder auch nur zu gefährden vermochte. Er hattekurz vorher einer Dame, die ihm am Schlüsse ihrer Audienz gesagt hatte,sie bete zu Gott, daß er hundert Jahr alt werden möge, lächelnd erwidert:Pourquoi mettre des limites ä la bonte divine ?" Dabei so hart gegen seinenKörper, daß er bei einer schmerzlichen Operation in so hohem Alter sichnicht chloroformieren lassen wollte. Ein wunderbar schönes Auge, aus demdie unerschütterliche Zuversicht des von seiner Mission überzeugten Statt-halters Christi leuchtete, aber doch auch etwas von der feinen Skepsis,die so vielen italienischen Staatsmännern auf dem päpstlichen Stuhl, inden Ratsstuben von Venedig und Genua, auf den Fürstensitzen von Florenz und Ferrara eigen gewesen ist. Diese leichte Skepsis fehlte auch denMännern nicht, die den italienischen Einheits- und Nationalstaat unter un-geheuren Schwierigkeiten errichtet haben, weder Massimo d'Azeglio nochRicasoli , weder Minghetti noch Visconti-Venosta, weder Ratazzi nochDepretis. Sie fehlte selbst dem größten von ihnen, sie fehlte auch Cavour nicht. Sie schloß glühenden Patriotismus und festen Glauben an die Stellad'Italia nicht aus, aber sie beugte manchen Dummheiten vor, die anderswobegangen wurden.

Unmittelbar nach dem Besuch beim Papst fand bei dem preußischenGesandten beim Vatikan , Baron Rotenhan, für den Kaiser ein Dejeunerdinatoire statt, an dem mehrere Kardinäle und der Hausherr, Fürst