KAISER UND PAPST
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Baldassare Odescalchi, teilnahmen. Nach Tisch unterhielt sich Odescalchi,der, nebenbei gesagt, ein alter Garibaldianer war und seinerzeit neben demVolkshelden im roten Hemd durch die Straßen von Rom gefahren war,eifrig mit dem anwesenden Kardinal Gotti, der für einen Papabile galt.Als ich herantrat, frug der Fürst gerade scherzend den Kardinal: „Wie solles nun gehalten werden, wenn früher oder später Staat und Kirche sichversöhnen? Sollen alle Kardinäle Senatoren werden oder alle SenatorenKardinäle?" Freundlich, aber ernst erwiderte ihm Gotti: „Der Scherz istgraziös, und unter uns Italienern können wir alles sagen. Wir verstehenuns schließlich immer untereinander." Mit einem Blick auf mich fügte derwürdige Kirchenfürst leise hinzu: „Vor Fremden müssen wir vorsichtigsein."
Die Gäste hatten sich kaum entfernt, als der Kaiser Rotenhan seineganze Unterredung mit Leo XIII. diktierte. Ich lasse sie folgen, weil sie Protokollnicht nur ein interessanter Beitrag zur Charakteristik des Kaisers, sondern ^ es Kaisersauch ein wertvolles zeitgeschichtliches Dokument ist: „Der Papst freute ü £ crsich, Mich zum drittenmal begrüßen zu können; Gott habe ihm ein so ^ un y tlanges Leben gegeben, daß er in der Lage gewesen sei, dies außerordentlicheJubiläum zu feiern. Davon hätte Ich durch eine besondere Mission Notizgenommen und ihm den besonders lieben und angenehmen General Loegeschickt, wofür er ganz besonders dankbar sei. Ich: Ich hoffe, daß die Vor-sehung ihm noch die Möglichkeit gewähren würde, sein hundertjährigesJubiläum zu feiern. Der Papst: Das läge in Gottes Hand. Er freue sich,Mich darauf aufmerksam machen zu können, daß sein Zimmer mit MeinenGeschenken geschmückt sei. (Hinweis auf Porzellanpendüle.) Er sei stetsvon ihnen umgeben. Ich: Sie wären ein Zeichen Meiner Verehrung undMeines Respektes für seine ehrwürdige Person, die noch lange zum Wohleder Christenheit derselben erhalten bleiben möge. Er: Er freue sich, dieGelegenheit zu haben, Mir insbesondere dafür seinen Dank zu sagen, daßIch unabläßbch für das Wohl Meiner katholischen Untertanen bemüht sei.Er habe dies von so vielen Seiten gehört, daß er Wert darauf lege, es Mirpersönlich zu sagen, wie dankbar er und auch diese Untertanen für dieFürsorge seien. Er könne Mich versichern, daß in guten und in bösen TagenMeine katholischen Untertanen in absoluter Treue zu Mir stehen würden.,11s resteront absolument et infailhblement fideles.' Ich: Ich betrachte esals Pflicht eines christlichen Souveräns, ohne Unterschied der Konfessionfür Meine Untertanen nach Kräften zu sorgen, und könnte versichern, daßIch stets dafür sorgen würde, daß unter Meiner Regierung dieselben un-gestört der Ausübung ihrer Religion und ihrer Pflichten gegen ihr kirchlichesOberhaupt obliegen könnten. Es sei dies eine Lebensmaxime von Mir, undIch werde nie von ihr abweichen. Er: Die Grundsätze, nach denen Ich
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