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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER ERBE DER CÄSAREN

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der Kaiser gewissermaßen als Erbe der römischen Cäsaren zu begründenunternommen habe, nach Meiner Überzeugung nunmehr in der Person desvor Mir sitzenden Pontifex verkörpert und fortgesetzt sei, allein in nochviel großartigerer Weise in geistlicher Beziehung. Ich sähe in dem Papstdas Haupt des großen christlichen Weltimperiums, welches die Fortsetzungdes alten Römischen Imperiums sei. In allen Weltteilen huldigten Millionenihm als ihrem Oberhaupt. Daher sei er, Leo XIII. , der Imperator ImperiiRomani und als Erbe der römischen Cäsaren anzusehen. Der Papst richtetesich in seinem Stuhle hoch auf, sah Mich eine Weile mit erstaunten Blickenan, und nach einer kleinen Pause fügte er mit dankbar leuchtenden Augenhinzu: ,Eh bien, ce n'est pas mal cela, et, peut-etre, Vous avez raison.'Wilhelm I. R."

So weit das kaiserliche Diktat über diese denk- und merkwürdige Unter-redung zwischen dem Oberhaupt des Deutschen Reiches und dem PontifexMaximus . Als Nachschrift hatte der Kaiser eigenhändig hinzugefügt:DerPapst hat Seine Majestät auch gefragt, wie es mit dem Ausbau der Flottestünde, und wie sehr er hoffte, daß Er eine starke und mächtige Flotte zumSchutze des Friedens und der deutschen kulturellen Interessen bekommenwerde."

Als Erinnerung an den Besuch des Kaisers übersandte mir Leo XIII . diefünfundzwanzig aus der für ihre hohe Kunstfertigkeit altberühmten Audienz fürpäpstlichen Münze hervorgegangenen goldenen Medaillen, die vom ersten <fas GefolgeJahre seines Pontifikats bis zum Jubiläumsjahr geprägt worden waren undderen jede der Tradition der Kurie gemäß einen besonders denkwürdigenkirchlichen oder politischen Akt des Papstes verewigte. Eine künstlerischsehr wertvolle und mir teure Gabe. Die Huld des Papstes erstreckte sichauch auf die Dienerschaft des Kaisers und sein Gefolge, ein schöner Beweisfür die humane Gesinnung des Pontifex. Die Unterbeamten der dreikaiserlichen Kabinette, der Leibdienst Seiner Majestät, die Leibgendarmen,die Kanzleidiener und persönlichen Diener, im ganzen etwa sechzig Per-sonen, wurden von Seiner Heiligkeit in besonderer Audienz empfangen.Leo XIII. , der die Eintretenden unter einem roten Baldachin erwartete,frug, ob einer der Erschienenen Italienisch verstünde. Alles verstummte,nur mein italienischer langjähriger Kammerdiener Augusto trat mititalienischer Desinvoltura vor, erklärte, daß er in Valmontone in den Sa-binerbergen geboren sei und als Dolmetscher dienen wolle. Der Papst frugleise, ob die zur Audienz Erschienenen Katholiken oder Protestantenwären. Augusto entgegnete:Santo Padre , sono tutti heretici, ma nonsono cattivi, anzi bravissima gente." Der Papst reichte darauf allen An-wesenden die Hand. Sein besonderes Interesse erregten zwei Unteroffiziereder Gardeducorps, die ihn durch ihre echt deutsche Erscheinung und