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DIE GLANZATTACKE
Das Terrain wurde monatelang vorher ausgesucht und instand gesetzt. Dieköniglichen Leibpferde wurden auf diesem Terrain eingeritten. Nachmenschlicher Voraussicht mußte dann die Sache klappen. Für 1903 hatteder Kaiser bei dem Manöver des 4. Armeekorps die Glanzattacke aufjenes historische Schlachtfeld verlegt, wo General von Seydlitz, „HerrSeydlitz auf dem Falben", wie ihn in einem prächtigen Gedicht TheodorFontane nennt, mit dem Rufe „Vorwärts!" und indem er vor der Frontseiner Kavallerie seine Tabakspfeife hoch in die Luft schleuderte, dasZeichen zu einem der glänzendsten Reiterangriffe der Geschichte und einemder schönsten preußischen Siege gab. Von diesem Schlachtfelde aus tele-graphierte mir der Kaiser am 9. September 1903 über seine Attacke: „DieAttacke endigte bei Roßbach. Ich hatte 60 Schwadronen hinter mir, wäh-rend Seydlitz seinen Erfolg mit nur 35 Schwadronen erkämpfte! Ich höre,daß der Eindruck ein sehr tiefer gewesen ist." Die letztere Wendung solltemich beruhigen. Der Kaiser wußte, daß ich mich grundsätzlich nicht inmilitärische Angelegenheiten einmischte, aber seine militärischen Spiele-reien und namentlich den Unfug, der mit den Manövern getrieben wurde,nicht gern sah. Ich verhehlte dies auch dem Chef des Generalstabes nicht,dem genialen Grafen Alfred SchliefTen. Er beurteilte an und für sich dieSache ganz wie ich und wie alle verständigen Leute, stand aber auf demStandpunkt, daß, wenn ihm der Kaiser im übrigen nur freie Hand lasse,namentlich in artilleristischen Fragen, der „Manöverunsinn" nicht viel zubedeuten habe. Die Truppe wäre zu sehr in der Hand ihrer Führer und dieFührer zu gut ausgebildet, als daß solche falschen Gefechtsbilder großenSchaden anrichten könnten.
An die Manöver schloß sich ein Besuch in Wien . Ich erwartete inBesuch in Wiener-Neustadt den Kaiser, der bis dahin auf den ungarischen Gütern desWien Erzherzogs Friedrich geweilt hatte, wo er unter den dort für ihn sorgsamaufgesparten Hirschen ein furchtbares Massaker anrichtete. ErzherzogFriedrich war mit einer Prinzeß Croy vermählt, die aus einem mediati-sierten, also an sich ebenbürtigen, aber nicht souveränen Hause stammte.Um so mehr lag ihr daran, daß ihre Töchter große Partien machten. Siehatte ihr Augenmerk begreiflicherweise in erster Linie auf den präsumtivenThronerben, den Erzherzog Franz Ferdinand , gerichtet und war nichtwenig erfreut, als dieser häufig zu Besuch in ihrem Hause erschien. Sie warüberzeugt, daß diese Besuche ihren hübschen Töchtern gälten. Um so pein-licher war die Überraschung, als sie plötzlich am Handgelenk ihrer Hofdame,der Gräfin Sophie Chotek , ein goldenes Armband mit dem Medaillonbild desThronfolgers entdeckte. Es folgte eine Szene, die mit der brüsken Entlassungder Hofdame endigte. Es ist allgemein bekannt, daß der Erzherzog, wasseinem Herzen zur Ehre gereicht, treu zu dem von ihm geliebten Mädchen