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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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KEINE ISOLIERUNG DEUTSCHLANDS

Äußern und auch die des Deutschen Kaisers zweifellos eine für England freundliche gewesen wäre. Dagegen hätte das deutsche Volk während dieserganzen Zeit England gegenüber mehr Haß und Neid, Schadenfreude undFeindschaft an den Tag gelegt als irgendeine andere Nation. Da anderer-seits Deutschland durch seine gewaltige wirtschaftliche Entwicklung, denüberraschenden Aufschwung seiner Industrie und seines Handels, die all-mählich die Welt eroberten, durch die Entwicklung seiner überseeischenInteressen und durch den Bau einer starken Flotte immer mehr für Eng-land der weitaus gefährlichste Rivale und Konkurrent würde, müsseEngland seine Politik darauf einstellen. Frankreich hätte längst aufgehört,für England ein ernster Mitbewerber zu sein. Rußland wäre nur in Asien gefährlich. Ernste Gefahr drohe England nur von Deutschland . Im An-schluß hieran entwickelte mir Metternich, wie er trotzdem nicht glaube,daß Frankreich auf die Dauer der Freund von Rußland und England blei-ben könne. Wohl aber wäre ein vorübergehender Vergleich zwischen Eng-land und Rußland und ein Zusammengehen ad hoc zwischen England ,Rußland und Frankreich gegen Deutschland wohl denkbar. Sollte es aberselbst zeitweise gelingen, ein solches Zusammengehen jener drei Mächteherbeizuführen, so wäre es doch noch immer verfrüht, von einer IsolierungDeutschlands zu reden: denn einmal bliebe Österreich auf das Bündnis mitDeutschland angewiesen, während andererseits bei geschickter undruhiger deutscher Politik Rußland weder geneigt sei, Frankreich dasElsaß zurückzuerobern, noch für die schönen Augen der Engländer dendeutschen Handel zu zeiotören. In Rußland bekämpften sich nach allem,was Metternich inoffiziell, aber von gut unterrichteter Seite höre, zweiStrömungen: das Mißtrauen der leitenden russischen Kreise gegen dasrepubl.kanische und atheistische Frankreich auf der einen, der alte Haßdes Slawentums gegen die Deutschen auf der anderen Seite. Das Weiterewürde von der Geschicklichkeit unserer Politik abhängen.Ich wiederhole",bemerkte Metternich am Schluß seines Briefes,und betone, daß nachmeiner Uberzeugung die englische Regierung nicht mit uns zu brechenwünscht und nichts leichtsinnig gegen uns unternehmen wird. Die Anti-pathie gegen die Deutschen ist aber in England so tief, daß keine englischeRegierung, auch wenn sie es wollte, in internationalen Fragen von größererBedeutung auf unserer Seite zu finden sein wird. Alles, was wir für denAugenblick wünschen können, ist die Aufrechterhaltung dessen, was manin der diplomatischen Sprache korrekte und freundschaftliche Beziehungenvon Regierung zu Regierung nennt. Seitdem Sie die Leitung der Politikhaben, hat sich unser Verhältnis zu Rußland langsam, aber stetig gebessert.Es scheint mir, daß es ein großer Fehler sein würde, wollten wir diesen Ganggewaltsam beschleunigen."