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Nicht lange nach der Begegnung unseres Kaisers mit dem russischen Prinz Kaiserpaar in Wolfsgarten hatte ich von meinem früheren Chefin St.Peters-Hemrich VII. burg und späteren langjährigen Gönner und Freund, dem PrinzenReuß über ji e j Iir j cn VII. Reuß, einen nicht uninteressanten Brief über russische Hof-vorgänge und Hofzustände erhalten. Er hatte auf seinem Gute Trebschen inder IN eumark den Besuch seiner Nich te, der Großfürstin Wladimir, erhalten.Über die vertraulichen Mitteilungen der schönen Frau schrieb er mir: „Vonallem, was ich habe hören können, habe ich einen recht unerfreulichen Ein-druck gewonnen. Der gute Wille, die bessere Einsicht des Kaisers Nikolauskommen nicht zur Geltung, weil Tatkraft gänzlich fehlt und auch Inter-esse an den Geschäften. Auch weil sich Einflüsse geltend machen, dieperniziös sind, und zwar von weiblicher Seite, mit einer bedenklichen Bei-mischung von Mystizismus, deren Trägerinnen die montenegrinischen Prin-zessinnen sind, welche ihrerseits entschiedenen Einfluß auf die regierendeKaiserin ausüben, ein Einfluß, dem selbst die Kaiserin- Mutter nicht mehrgewachsen ist. Beispiel: die Ungnade Wittes, der sich weigerte, Geld für denBeherrscher der Schwarzen Berge herzugeben in dem Umfange, wie es vonden Töchtern verlangt wurde. In dem Hang zu dem mystischen Treibendieser Clique liegt nach der Überzeugung der Großfürstin Wladimir einegroße Gefahr für die Dynastie. Das russische Volk wittere Unrat, und da-durch litte das Ansehen Väterchens. Das würde von der revolutionärenPartei geschickt benutzt, um das kaiserliche Ansehen noch mehr zu unter-graben. Die Nihilisten hätten ihre Taktik geändert. Nicht mehr Mord desDynasten, sondern Schüren gegen seine dynastische Unfehlbarkeit in denbreiten Schichten des Volks sei heute die Losung. Und oben sei man voll-kommen blind gegen diese Gefahr, bilde sich ein, alles ginge zum besten,und wenn man überhaupt jemand Gehör schenke, so sei es denen, die allesschön zu färben verstünden. Niemand werde gehört, und mit eifersüchtigenAugen würden diejenigen beobachtet resp. abgedrängt, die den Mut hätten,die Wahrheit zu sagen."
Diesen Mitteilungen seiner Nichte, der Großfürstin, fügte Prinz Reußhinzu: „Erfreulich ist, daß der Zar Sympathie für unseren Allergnädig-sten Herrn hat, und wenn das Wasser auch keine Balken hat und einunsicheres Element ist, so sind doch die Rendezvous auf demselbeneine treffliche Erfindung, besonders auch deshalb, weil das Ewigweib-liche davon ausgeschlossen bleibt. Zur größten Vorsicht ist aber zu raten,nicht zu viel Avancen zu machen. Das macht dort den entgegengesetztenEffekt des Gewünschten. Die Leidenschaft für den Alliierten an der Seinescheint nur künstlich genährt zu werden. Über Lambsdorff meinte dieGroßfürstin, es fehle ihm viel zum hervorragenden Staatsmann, aber erwäre zuverlässig."