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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE DEUTSCHE SOZIALDEMOKRATIE

angelegt oder gar begabt zu sein, betet mancher deutsche Philister das Wortdes Faust nach:Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen." InWirklichkeit ist die Bedeutung des Worts ungeheuer groß. Ich glaube, daßwir im Jahre 1906 nicht einen so glänzenden Sieg über die Sozialdemokratieerfochten haben würden, wenn meine vorher gehaltenen und in Millionenvon Exemplaren verbreiteten Reichstagsredeu nicht das Terrain vorbereitethätten. Wenn ich die Sozialdemokratie bekämpfte, so geschah dies nicht ausMangel an Verständnis für den berechtigten Kern ihrer Bestrebungen. Nochweniger aus dem Gesichtswinkel eines beschränkten Aristokratendünkelsoder gar aus irgendwelchen selbstsüchtigen Motiven. Ich war überzeugt,daß die Herrschaft der Sozialdemokratie gerade in Deutschland das Endeder Größe, Macht und Wohlfahrt des Deutschen Reichs bedeuten würde.

Nicht nur die Schwächen, auch die Vorzüge des deutschen Charaktersmachen die Sozialdemokratie für Deutschland besonders gefährlich. DerDeutsche ist doktrinärer als irgendein anderes Volk. Er versteht es vielweniger als der Engländer, Franzose und Italiener , sich in praktischenFragen von den Netzen der Theorie zu befreien. Er geht in seinem Doktrina-rismus mit dem Kopf durch die Wand. Als während meiner Amtszeit inBern ein internationaler Kongreß zum Zweck der Regulierung der Frauen-und Kinderarbeit stattfand, sagte der französische Delegierte, der späterePräsident der Französischen Republik, Alexandre Millerand , damals einerder Führer der französischen Sozialdemokraten, meinem Bruder Alfred,der deutscher Gesandter in Bern war:Zügeln Sie doch Ihre Geheimen Räte,die man aus Berlin zu diesem Kongreß hierhergesandt hat. Die sind jadoktrinärer und unpraktischer als unsere törichtsten sozialistischen Schwärmer. Que diable, avant tout il faut que l'industrie marche." DerTypus Millerand , Briand, Albert Thomas, Lloyd George, Crispi, Fortis,d. h. der Typus des Demagogen, der sich allmählich zu einem verständigenStaatsmann durchmausert, findet sich immer von neuem und zum Wohldieser Länder in Frankreich, England, Italien. In Deutschland ist er selten.Wir haben in Deutschland noch keinen Clemenceau gehabt, der, Ministergeworden, auf streikende Arbeiter schießen ließ und, gegenüber diesemgrausamen Vorgehen an frühere arbeiterfreundliche Reden erinnert, kühlerwiderte:A present je suis de l'autre cote de la barricade." Vor allem istdas Nationalgefühl bei unseren Nachbarn viel, unendlich viel stärker alsbei uns. Der französische Sozialist will, daß auch ein sozialistisch organi-siertes. Frankreich in Europa dominieren soll, schon weil Frankreich , dasFrankreich von 1789,la mere de la revolution" ist. Gerade so wie derfranzösische Klerikale fordert, daß Frankreich alsfils aine de l'Eglise"die katholische Welt beherrsche. Der französische Sozialist sucht sichemporzuheben aus dem Dunst der Niederung, der deutsche will die anderen