DER KAISER BESTÜRZT
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wolle. Das würde, so kombinierte Wilhelm II. weiter, zu einer französisch-englischen Vermittlung führen, aus der eine französisch-englisch-russischeKoalition gegen uns hervorgehen könne. Die Besorgnisse, die Japan ,Amerika und namentlich England dem Zaren bereitet hätten, würden ihnzu einer Annäherung an diese Mächte bewegen, wahrscheinlich auch zueiner festeren Schürzung des Allianzknotens mit Frankreich . Vor allemaber drohe uns die Gefahr, daß durch die schwächliche Politik der Russendie Japaner übermütig werden würden. Wir wären den Japanern zur Seenoch nicht gewachsen. Kiautschou erschien Seiner Majestät schon so gutwie verloren. Ich entgegnete, wir müßten vor allem vermeiden, bei demZaren den Argwohn zu erwecken, als ob wir ihn in einen Krieg treiben woll-ten, zu dem er und seine Minister aus naheliegenden Gründen gar keineLust hätten. Je weniger wir uns jetzt dekuvrierten und je stiller wirsäßen, um so besser. Wenn wir weder den Zaren mißtrauisch machten,und vor allem, wenn wir ihm nicht als falsche Freunde erschienen, uns aberandererseits auch nicht von anderen gegen England vorschieben ließennoch Japan brüskierten, könnten wir der weiteren Entwicklung ruhig ent-gegensehen. Ich hatte gehofft, den Kaiser einigermaßen kalmiert zu haben.Dies war jedoch nicht der Fall. Jedenfalls hatte die Beruhigung nicht langegedauert. Am 14. Februar erschien der Kaiser schon in ganz früher Morgen-stunde bei mir. Der Kaiser sah niedergeschlagen, fast bestürzt aus.
Zwischen ihm und mir entspann sich folgender Dialog, über den ich nocham gleichen Tage die nachstehende Niederschrift zu meinen Akten nahm: Unterredung
Der Kaiser: Ich dachte, die Wärme meiner letzten Briefe würde den mit BülowZaren veranlassen, seine ganze Macht gegen Japan einzusetzen. Statt 14. Febr. 190'dessen bleibt seine Haltung nach wie vor eine schlappe. Er scheint nichtfechten zu wollen. Er ist imstande, schließlich die Mandschurei ohneSchwertstreich, wenigstens ohne ernstlichen Widerstand, den Japanern zuüberlassen. Eine solche Wendung der Dinge muß ä tout prix verhindertwerden.
Ich: Das sicherste Mittel, um zu erreichen, daß die Russen mit Japan einen voreiligen und faulen Frieden schließen, würden unvorsichtigedeutsche Ermutigungen an die Adresse des Zaren sein. Wenn der Zar denWunsch Eurer Majestät merkt, daß er sich mit Japan fest verbeißen soll,so wird ihn das veranlassen, so bald als möglich abzuschnappen.
Der Kaiser: Vom Standpunkt des Staatsmanns mögen Sie recht haben.Ich fühle aber als Souverän, und als solcher empfinde ich die Blößen, diesich Kaiser Nikolaus durch sein kleinmütiges Auftreten gibt, als eineSchande für alle Monarchen und insbesondere für mich. Damit kompro-mittiert der Zar alle großen Souveräne. Im Interesse des Ansehens derMonarchie muß etwas geschehen, damit Kaiser Nikolaus forscher auftritt.