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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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GRÄSSLICH VERFAHREN'

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Ich: Das würde nur die Folge haben, daß der Zar uns auffordern würde,ihm gegen eine Gefahr, die uns so groß erscheint, bewaffnete Hilfe zu leisten.Damit wäre der Krieg zwischen uns und England gegeben, den ich zu ver-meiden wünsche und seit Jahr und Tag zu vermeiden mit Erfolg bemühtbin, ein Konflikt, den Sie, Majestät, ja auch gar nicht wünschen. Leidersehen Sie aber die Weltlage nicht richtig. Darf ich ganz offen sein ? EureMajestät haben l'esprit batailleur. Aber Sie haben nicht wie Napoleon I. und Karl XII. von Schweden, wie Friedrich der Große une äme guerriere.Sie wollen ja gar nicht den Krieg! Sie haben ihn nie gewollt und werden ihnnie wollen. Sie haben mir oft selbst gesagt, Ihr Ideal wäre, wie FriedrichWilhelm I. vorzuarbeiten, das Rüstzeug zu schmieden, das einst Ihr Sohn,noch besser Ihr Enkel brauchen soll. Warum bei innerlich ganz friedfertigerGesinnung die Nachbarn entweder reizen oder mißtrauisch machen ?

Der Kaiser (durch die letzten, mit Nachdruck gesprochenen Worte er-nüchtert): Lieber Bernhard, wie denken Sie sich denn einen Ausweg ausdieser durch die Schwäche des Zaren, die Perfidie der Engländer und dieSelbstsucht der Franzosen so gräßlich verfahrenen Situation?

Ich: Es gilt, zweierlei zu vermeiden. Einmal, daß unsere Beziehungen zuRußland durch den Krieg geschädigt werden. Zu diesem Zweck müssenwir unterlassen, was uns dort als unsichere und namentlich als schaden-frohe und hinterlistige Nachbarn erscheinen lassen könnte. Andererseitswäre es ein grober Fehler, uns von den Russen gegen Japan oder gar gegenEngland vorschieben zu lassen. Beide Klippen werden wir um so sichererumschiffen, je mehr wir uns einer besonnenen Haltung befleißigen.

Nicht lange nach diesem Gespräch trafen Nachrichten ein, die für dierussischen Waffen sehr ungünstig lauteten. Es war mir gelungen, den Kaiser Derwährend des ganzen Jahres 1904 gegenüber dem Konflikt im fernen Osten Doggerbank -trotz seiner innerbchen Erregung nach außen zu einem verständigen Ver- ^ w ^ sc ^ en f a ^halten zu bestimmen. Während sich der Kaiser im Spätherbst 1904 inSchlesien aufhielt, wo er gern in dieser Jahreszeit den großen Jagden derdortigen Magnaten beiwohnte, hatten sich allerlei Einflüsse geltend ge-macht, die aufreizend auf den hohen Herrn einwirkten. Hierzu trug natür-lich auch die immer deutlicher hervortretende gehässige Stimmung nichtder engliscben Regierung, aber weiter Kreise des engbschen Volkes gegenuns bei. Alle militärischen Aktionen der Russen im fernen Osten standenunter einem ungünstigen Stern. Am meisten aber war dies der Fall bei derFahrt der russisch-baltischen Flotte nach Ostasien, auf die Kaiser Nikolaus und der russische Hof große Hoffnungen gesetzt hatten. Die Führung derFlotte zeigte von Anfang an ein verhängnisvolles Ungeschick. Beim Passierender Doggerbank eröffneten die Russen ein heftiges Feuer auf Fahrzeuge,deren Bauart ihnen unbekannt war und die sie für japanische Torpedoboote

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