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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE REDE DES ZIVILLORDS LEE

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tasie des Königs Friedrich Wilhelm IV. die Wände der Kapelle geschmückthatte. Da sah man neben dem biederen, verständigen und nüchternenFriedrich Wilhelm III. den jähzornigen und wilden Frankenkönig Chlod-wig, neben David mit der Harfe Friedrich Barbarossa mit wallendem Barteund steilem Reichsschwert, neben dem glaubensstarken Gustav Adolf denrationalistischen großen König.

Auf den Gottesdienst in der Schloßkapelle folgte die Defihercour, bei dermir die Blässe des Kaisers auffiel. Nach der Cour hörte ich von Tirpitz, daß Dislokationdie Denkschrift, die am Ausgang des verflossenen Jahres der Erste Lord deTder englischen Admiralität, derEarl of Seiborne, dem House of Commons mvorgelegt hatte, den Kaiser stark impressioniert habe. In dieser Denkschriftwurde als Ziel der Admiralität bezeichnet, die ganze englische Marinekriegsbereit in dem Sinn zu halten, daß sie stets gerüstet sei, einen sofortigenSchlag führen zu können. Die Heimatflotte solle künftig Kanalflotte, diejetzige Kanalflotte dagegen Atlantische Flotte genannt werden. Es lag aufder Hand, daß diese Dislokation ein Zugeständnis an die durch unsereSchiffsbauten mehr und mehr erregte englische öffentliche Meinung war.Es war auch ziemlich wahrscheinlich, daß die Bildung einer besonderenAtlantischen Flotte die englische Antwort auf die wenig glückliche Idee desKaisers war, sichAdmiral of the Atlantic" zu nennen. Der Veröffentlichungder Denkschrift des Earl of Seiborne war ein Artikel derArmy-and-Navy-Gazette" vorausgegangen, in dem es hieß:Früher hätte England eineFlotte, von der wir Grund hatten anzunehmen, daß sie zu unserem Schadengebraucht werden könne, einfach vernichtet. Wir wollen offen aussprechen,daß der gegenwärtige Augenbhck ganz besonders günstig ist, zu erklären,daß diese Flotte fürderhin nicht vergrößert werden solle. Die anderenMächte würden einer solchen Aktion wahrscheinlich mit schlecht verhehltemVergnügen, wenn nicht mit offener Billigung zusehen." Nicht lange nachherhatte der Zivülord der englischen Admiralität Mr. Lee eine Rede gehalten,in der er erklärte, England müsse Deutschland den Ausbau seiner Flotteverbieten. Als der Führer der liberalen Opposition, Mr. Campbell Bannerman ,in der Adreßdebatte im Unterhaus sein Bedauern darüber aussprach, daßLee Deutschland grundlos provoziert habe, nahm der PremierministerBalfour den streitbaren Zivillord in Schutz, erklärte den Tadel des Führersder Opposition fürunedelmütig" und lobte mit Pathos den Fleiß und diegroße Geschicklichkeit von Lee, die für sein Land von hohem Werte wären.

Es war nicht zu bestreiten, daß bei Beginn des Jahres 1905 viel auf dieerregbaren und labilen Nerven des Kaisers einstürmte. Am 2. Januarkapitulierte Port Arthur mit 8 Generälen, 4Admirälen, 57 Stabsoffizieren,über 30000 Kombattanten, über 50 Geschützen und 4 Schlachtschiffen,was die Erregung und, voreingenommen wie er gegen dieJaps" war, den