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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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SCHLIEFFENS ALARM

5. Die deutsche Staatsleitung lege den höchsten Wert auf Wahrungihres Rufs als strenge Beobachterin der Verträge, die Europa zur Be-wahrung seines Friedens geschlossen habe. Überdies lebre der gesundeMenschenverstand, daß es nicht gerade klug wäre, die WaffenkräfteBelgiens oder der Schweiz zur Waffengemeinschaft mit dem französischenAngriff zu zwingen.

Graf Alfred Schlieffen , mit dem ich nach wie vor diesem Gespräch ineinem ungetrübten freundschaftlichen Verhältnis gestanden habe, drehtenach seiner Gewohnheit mehrmals sein Monokel im Auge herum und meintedann:Natürlich! Das stimmt noch heute. Wir sind seitdem nicht dümmergeworden." Allerdings, fügte Schlieffen hinzu, neige er zu der Ansicht, daßHolland im Kriegsfall in uns seinen natürlichen Bundesgenossen gegenEngland sehen würde. Was Belgien angehe, so würde es sich einem deutschenEinmarsch wohl kaum mit Waffengewalt widersetzen, sondern sich miteinem Protest begnügen. Übrigens glaube er, Schlieffen, daß im Falle einesgroßen Krieges die Franzosen , eventuell auch die Engländer, sofort inBelgien einrücken würden. Damit bekämen wir die Hände frei. Ich betoneausdrücklich, daß nach meiner Kenntnis der Verhältnisse es bis zum Welt-krieg auch Generalstäbler gegeben hat, die für den Fall eines deutsch-französischen Krieges den Weg durch Belgien nicht für den richtigen hielten,jedenfalls nicht für den einzig möglichen, um Frankreich zu schlagen. Auchnach dem Kriege sagte mir einer unserer bekanntesten Generäle, wir hättenbesser getan, nicht den Weg über Belgien mit seinen fürchterlichen poli-tischen Konsequenzen zu wählen, sondern uns für eine andere Kombinationzu entscheiden.

Ich will bei diesem Anlaß auch noch vorgreifend erwähnen, daß einigeMonate vor meinem Rücktritt Graf Alfred Schlieffen in derDeutschenRevue" einen ziemlich alarmierend gehaltenen Aufsatz über die Chanceneines allgemeinen Krieges veröffentlichte, der einige Wendungen enthielt,die in Belgien Unbehagen erregten. Einen darauf bezüglichen Bericht desGrafen Wallwitz, der zu jener Zeit noch das Reich in Brüssel vertrat,übersandte ich dem damaligen Chef des Generalstabes der Armee, demGeneraloberst von Moltke, der mir unter dem 19. Januar 1909 wörtlicherwiderte:Es ist mir unerfindlich, wie aus den Ausführungen des GrafenSchlieffen herausgelesen werden kann, daß man maßgebenden Orts mitdem Durchmarsch unserer Truppen durch Belgien als etwas Höchstwahr-scheinlichem, etwas Gegebenem rechnet. Es dürfte Graf Wall witz, dem zurZeit seiner Berichterstattung der Urtext des Aufsatzes noch nicht vorlag,nicht schwerfallen, an der Hand des Textes etwa auftretende Bedenken zuzerstreuen." Ich möchte endheh noch feststellen, daß auf meine Anfragevom 1. Juli 1920, ob nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck, unter der