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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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EIN FRISCHER, FRÖHLICHER KRIEG

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Berlin herrschende Doktrin zu bezeichnen, nach der die Deutschen, un-fähig, sich gegen England zur See zu wehren, im Falle eines Krieges mitEngland sich auf Frankreich stürzen würden, fühlte sich Schiemann alseine europäische Zelebrität und erging sich in so unvorsichtigen und immerwiederholten Wendungen und Drohungen, daß ich ihn durch den Unter-staatssekretär von Mühlberg ernstlich und scharf verwarnen ließ. Er rich-tete daraufhin einen demütigen Brief an mich, in dem er hoch und teuerschwor, er lege einen soaußerordentlich hohen Wert" darauf, in seinerbescheidenen publizistischen Tätigkeit" nicht in Gegensatz zu den vonmir vertretenen und gewahrten Interessen Deutschlands zu geraten, daßer künftig noch vorsichtiger als bisher sprechen und schreiben würde.Der Brief schloß mit den Worten:Wenn ich aber trotzdem noch zu vielsagen sollte, bitte ich, es unter keinen Umständen meinem üblen Willen,sondern nur meinem Ungeschick zuzuschreiben. In stets dankbarer Ver-ehrung Eurer Exzellenz ehrfurchtsvoll ergebener Theodor Schiemann ."

Dieser Schwur verhinderte Herrn Schiemann nicht, sich dem impres-sionablen und phantasievollen Kaiser immer wieder mit unsinnigen Vor-schlägen und Projekten zu nähern. Bald sollten wir mitten im FriedenLibau und Riga besetzen, um gegenüber Rußland ein Pfand in der Hand zuhaben, bald auch an England ein Ultimatum stellen, daß dieses entwederaufhören solle, uns wegen unseres Flottenbaues zu bedrohen, oder es aufeinenehrlichen und ritterlichen Waffengang" zur See mit uns ankommenlassen möge. Gegenüber den uns drohenden inneren und äußeren Gefahren,so versicherte Schiemann dem Kaiser, sei ein frischer, fröhlicher Kriegdaseinzige Auskunftsmittel". Für den Waffengang mit England müsse aller-dings wie für ein Turnier des Mittelalters der Kampfplatz und die Wahl derWaffen, in diesem Fall also die Zahl der einzusetzenden Schiffe, im vorausbestimmt werden. Es bedeutete tatsächlich eine starke Belastung meinerGeduld und meiner durch ernste Geschäfte in Anspruch genommenenLeistungsfähigkeit, daß ich auf die Widerlegung und Abwehr solcher aufdie in manchen Dingen große Naivität des Kaisers berechneten KindereienZeit und Kraft verwenden mußte. Bei hoher, ja höchster Meinung vonWürde und Heiligkeit seines königlichen Berufes verstand Wilhelm II. nicht, daß gerade dieser Beruf wie kein anderer Arbeitsamkeit, Konzen-tration und Ernst verlangt. Er hat nie die tiefe Wahrheit des Rats begriffen,den in denWahlverwandtschaften" die Weisheit unseres größten Dichtersdem verständigen Hauptmann in den Mund legt.Nur eines laßt uns fest-setzen und einrichten", spricht der Hauptmann zu seinem Freunde Eduard,trennen wir alles, was eigentlich Geschäft ist, vom Leben! Das Geschäftverlangt Ernst und Strenge, das Leben Willkür; das Geschäft die reinsteFolge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist Hebenswürdig

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