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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DR. MICHAELIS

als irgendein anderes hochadliges Haus. Diesem Haus war die strahlendschöne Fürstin Elisabeth Carolath entsprossen, die von Herbert Bismarck bewogen wurde, sich von ihrem ungeliebten Gatten scheiden zu lassen.Als aber nach erfolgter Scheidung Herbert die Freundin heiraten wollte,stieß er auf heftigen Widerspruch bei seinen Eltern, und es erging derarmen Elisabeth wie der auf Naxos von Theseus verlassenen Ariadne.Herbert ließ sie sitzen und heiratete elf Jahre später die Gräfin MargueriteHoyos. Ich bin noch heute überzeugt, daß der Konflikt, den er damals durch-kämpfen mußte, bei Herbert Bismarck tiefe Spuren hinterlassen hat unddaß diese seinem Herzen geschlagene Wunde nie ganz vernarbt ist. Einegeistig bedeutende Tochter des Geschlechts war die Gräfin Sophie Hatz-feldt, die Freundin von Ferdinand Lassalle . Sie war die Mutter des Bot-schafters Paul Hatzfeldt. Bei dem Oberpräsidenten von Schlesien , demHerzog von Trachenberg , regte sich Cupido noch im späten Alter. Er wurdevon einem Schaffner überrascht, als er in der Eisenbahn zwischen Breslau und Berlin einer jungen schlesischen Komteß Unterricht in den Anfangs-gründen der ars amandi erteilte. Der Schaffner stellte den Herzog scharf zurRede, dieser erwiderte allzu heftig. Als der Herzog, der für knauserig galt,den Mann des Gesetzes durch ein mehr als kärgliches Trinkgeld zu beruhigentrachtete, drohte dieser mit Strafanzeige. Um einem Skandal zu entgehen,reichte Hatzfeldt-Trachenberg seinen Abschied ein, der ihm in Gnadenund mit einem Orden bewilligt wurde. Dankbar und gerührt schrieb mirder edle Herzog:Eurer Durchlaucht geehrte vorgestrige Zeilen verpflichtenmich zu neuem Dank. Wenn ich meinen wärmsten Dank hiermit zum Aus-druck bringe, bitte ich gleichzeitig die Versicherung aufrichtiger Verehrungentgegennehmen zu wollen als Eurer Durchlaucht gehorsamster Hatzfeldt ."

An Stelle Hatzfeld ts wünschte der Kaiser den ihm befreundeten GrafenTiele-Winkler auf Möschen, einen der reichsten schlesischen Magnaten,oder den Prinzen Heinrich XXVIII. Reuß zu setzen, der das war, was dieEngländera good whip" nennen, das heißt ein Gentleman, der ein Vierer-gespann vom Bock zu lenken versteht. Lucanus frug bei mir an, ob ichmeine Zustimmung zu der einen oder der anderen dieser beiden Kandida-turen geben würde. Dabei ließ er einfließen, daß, wenn Tiele oder ReußOberpräsident werden sollte, der Oberpräsidialrat Dr. Michaelis durch einebessere Kraft ersetzt werden müsse, denn er sei schon unter normalen Ver-hältnissen unzureichend, geschweige denn unter einem wenig geschultenAristokraten. Ich hätte damals wahrlich nicht gedacht, daß zwölf Jahrespäter derselbe Büromensch, der nicht der bescheidenen Stellung einesOberpräsidialrats in Breslau gewachsen war, in denkbar ernstester, kriti-scher und bedrohter Lage des Landes zum Kanzler des Deutschen Reichsernannt werden würde. 1905 gelang es mir, als Nachfolger des Herzogs