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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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HOLSTEIN ÄRGERT SICH

Holstein, mindestens ebenso impressionabel wie der Kaiser, aber älterDer und verbrauchter, ärgerte sich über diese Abweichung vom Programm, dasproblematische er gern als das seine betrachtet zu sehen wünschte, so sehr, daß er in derHolstein darauffolgenden Nacht eine starke Magenblutung erlitt. Sie war das ersteAuftreten eines Leidens, dem er vier Jahre später erliegen sollte. Ich willbei diesem Anlaß feststellen, daß die ganze Aktion, für die ich vor demReichstag wie vor der Öffentlichkeit sofort die volle Verantwortung über-nommen habe, von mir ausging. Gerade weil Holstein sich möglichst imHintergrunde und im Dunkeln hielt, nur wenig Menschen sah, einsam in dervon der Wilhelmstraße weit entfernten Großbeerenstraße in drei kleinenZimmern hauste, erschien seine Persönlichkeit und seine politische Tätigkeitden meisten in fast romanhaftem, jedenfalls sehr übertriebenem, bisweilenauch verzerrtem Licht. Sein Einfluß war während meiner Amtszeit nichtso groß wie in den vorhergegangenen zwei Jahrzehnten. So paradox diesauch manchem erscheinen mag, Holstein übte nie einen größeren Einflußaus als während der zweiten Hälfte der Ära Bismarck. Damals war seineMacht namentlich in Personalien sehr weitreichend, seine Stellung fastunerschütterlich durch das absolute Vertrauen, das der große Kanzlerpersönlich in ihn setzte, wie durch die intime Freundschaft, die HerbertBismarck seit seiner ersten Jugend mit Holstein verband, der als Attacheder preußischen Gesandtschaft in St. Petersburg ständiger Gast im Hausedes damaligen Gesandten von Bismarck-Schönhausen gewesen war.

Namentlich seit dem 1879 erfolgten Tode meines Vaters, der, solange erdas Auswärtige Amt leitete, durch seine alten, vertrauensvollen Beziehun-gen zum Fürsten Bismarck wie durch seine Ruhe und Abgeklärtheit einnützUches Gegengewicht zu Holstein gebildet hatte, trat letzterer mehr undmehr in den Vordergrund. Mein Vater bebte Holstein nicht, sie waren ganzverschiedenartige Naturen. Holstein, dem, wenn er wollte, auch ein senti-mentaler Augenaufschlag zu Gebote stand, hat mir mehr als einmal gesagt,er wisse sehr gut, daß er bei meinem Vater nicht in Gnaden gestandenhabe; um so rührender wären die Hingebung und Treue, mit der er michunterstütze und mirdiene". Nachdem Fürst Bismarck, zweifellos nichtohne Mitwirkung von Holstein, gestürzt worden war, klammerten sich seineNachfolger Caprivi und Marschall, denen zunächst jeder ÜberbUck überdas internationale Schachbrett, alle diplomatische Routine und selbst dienötigen Sprachkenntnisse fehlten, an Holstein an wie Ertrinkende an einenRettungsgürtel. Er mußte aber die Macht, die er dadurch gewann, mitKiderlen teilen, der sich nicht gern die Butter vom Brot nehmen ließ. Auchwar er gerade damals der Gegenstand heftiger Presseangriffe namentlichimKladderadatsch" und in der HardenschenZukunft", die ihn nochmenschenscheuer und damit noch weltfremder machten als früher. Unter