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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DELCASSES SPIEL

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Dagegen hatte er den ihm von Montssuggerierten" Gedanken einesgroßen Arrangements zwischen Deutschland und Frankreich , ähnlichdem englisch -französischen, unter das dann auch neben nahem und fernemOrient Marokko zu subsumieren wäre, mit Begeisterung aufgegriffen.Luzzatti hätte ausgerufen, daß, wenn ein solches Arrangement gelänge, dieGeschichte den Namen Kaiser Wilhelms II. als den des größten Pazifikatorsder Weltgeschichte und eines zweiten Titus für immer in ihre ehernenTafeln eintragen würde. Hierbei stellte sich jedoch heraus, daß Herr Del-casse Teilungsvorschläge meditierte oder vorspiegelte. Darauf hatte Montsentgegnet, Deutschland könne den durch die Madrider Konvention ge-schaffenen Boden nicht verlassen. Es verlange für sich nur die gleichenRechte wie für alle, und gerade deshalb sei seine Position so unangreifbar.Übrigens wäre ja die ganze marokkanische Angelegenheit nur das Symptomeiner tiefgehenden Krankheit. An uns hätte es nicht gelegen, daß diedeutsch -französischen Beziehungen nicht schon längst normale und solchegeworden wären, wie sie zwischen Nachbarn bestehen sollten. Aber auchder übergeduldige deutsche Michel lasse sich nicht dauernd als Quantitenegligeable behandeln.

Diesem langen Bericht hatte Monts einen Privatbrief beigegeben, indem er mir schrieb:Ohne irgendwie der Entscheidung Eurer Exzellenzvorzugreifen, möchte ich als meinen persönlichen Eindruck, wie ich ihn ausden Äußerungen Luzzattis und sonstigen Symptomen hier gewinne,Hochdemselben folgendes ehrerbietigst unterbreiten: Delcasse sucht augen-scheinlich in geschickter Wendung dort eine Stütze, wohin er bisher alleseine Angriffe richtete. Der ehrgeizige Mann sieht sich ohne einen Ausgleichmit uns verloren. Vielleicht hätten wir daher a priori gerade mit ihm leichtesSpiel. Dazu kommt, daß Barrere, der längst für Rom das Interesse verloren,für sich persönlich den Berliner Posten bei der Sache heraushängen sieht.Er«würde also mit Dampf arbeiten und schließlich seine gewichtige Stimmeeinlegen, wenn die Verhandlungen, wie vorauszusehen, schwierig werdensollten. Er wäre vielleicht später auch tatsächlich der richtige Mann, umdie Verhältnisse zwischen Berlin und Paris dauernd zu guten zu gestalten.Eure Exzellenz würden ihn schon in seinen Schranken zu halten wissen!Der ehrgeizige Barrere will partout persönliche Erfolge erringen. Er würdemit Feuereifer vielleicht noch mehr für seinen Ruhm als für Frankreich arbeiten, wenn er sein Spiel auf die erstklassige deutsch -französische Kartesetzen kann. Herr Barrere hatte mir vor zwei Jahren in Camaldoli schoneinmal gesagt: ,Weshalb habt ihr, statt den Dreibund zu erneuern, nichteine Allianz mit uns geschlossen?' Das X für mich ist freilich die Wandel-barkeit des französischen Volkscharakters. Oder sollte die Bourgeois-Republik sich schon zu einem solchen Phäakentum und Philistertum