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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER FACKELTANZ

Ministern getragen. Wilhelm II. fand mit Recht, daß es kein sehr ästhetischerAnblick wäre, bejahrte, zum Teil schon gebrechliche, zum Teil allzu beleibteStaatsmänner mühsam auf dem glatten Parkett des Weißen Saales eineReihe von Rundgängen ausführen zu sehen, qualmende Fackeln in derHand, die ihre reich vergoldeten Uniformen mit Wachs beträufelten. Erbestimmte, daß künftig junge und adrette Pagen die Fackeln tragen sollten,was in der Tat viel besser aussah. Jeder Prinz und jede Prinzessin mußtenhinter dem Pagen, die paarweise vorausschritten, einen Rundgang durchden Saal unternehmen. Voraus schritt der Oberstmarschall Fürst MaxFürstenberg . Früher hatte der inzwischen zum Hausminister ernannteOberhofmarschall und Oberzeremonienmeister Graf August Eulenburg mitunübertrefflicher Sicherheit, Würde und Vornehmheit den Fackeltanzgeleitet. Er sah aus wie herausgeschnitten aus einem schönen Stich desGrand Siecle. Aber auch Max Fürstenberg , wenngleich weniger distinguiert,gewährte in der roten Galauniform der Gardeducorps einen stattlichenAnblick. Ich stand während der Zeremonie neben dem französischen Bot-schafter, der mit einer Mischung von Melancholie und Neid die Bemerkungfallen ließ:Et nous aussi, nous avons vu et connu tout cela lorsque leRoi-Soleil tronait ä Versailles et attirait tous les regards. Enfin, chacun sontour, comme disait en mourant ce bon Benjamin Constant ." Das Hochzeits-fest des Kronprinzen war glänzend und mußte jeden kultivierten Europäererfreuen, jeden, der nicht böotisch empfand. Und doch ließen auch dieprächtigsten Hoffeste bei mir meist einen melancholischen Eindruck zurück.Ich entsinne mich einer Paradetafel am 2. September, dem Sedantag, nachderen Aufhebung Posadowsky und ich aus einem der Fenster des Schlossesauf das von der untergehenden Sonne rot beleuchtete Berlin blickten. Mitdem Ausdruck schweren Ernstes, der ihm eigen war, sagte mir Posadowsky ,auf den roten Abendhimmel deutend:Wenn der Kaiser fortfährt, so über-mütig und insbesondere so unbesonnen zu sein, so wird früher oder späterdies Schloß von der Masse bedroht, vielleicht gestürmt werden."

Als ich am 6. Juni 1905, etwas ermüdet von den langen Zeremonien derWilhelm II. Hochzeitsfeier und noch mehr von der großen Hitze, die an diesem Tage inund General Berlin geherrscht hatte, mich gegen Mitternacht auf der GartenterrasseLacroix neDen me inem Arbeitszimmer in der nächtlichen Kühle erholte, ließ mir derKaiser telephonieren, er habe soeben von Wolff die Nachricht erhalten, daßDelcasse zurückgetreten wäre. Ich hatte den Rücktritt erwartet, der michfreute, ohne mich zu überraschen oder gar zu erregen. Aber ich beging einenFehler, als ich mir nicht sogleich sagte, daß der Kaiser bei seinem Naturellund mit seinem Temperament aus der quälenden Sorge, die ihn wegen derSpannung mit Frankreich bisher beherrscht hatte, in das andere Extrem,in übertriebenen Jubel, übertriebene Hoffnungen und namentlich in ein