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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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GEFAHR IN RUSSLAND

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in der alten Form nicht wieder zurückzubringen wäre. Hierbei betonte ichimmer wieder, daß bei einer vorsichtig und einigermaßen klug geführtendeutschen Politik ein gutes und freundschaftliches Verhältnis mit Rußland auch ohne Staatsvertrag möglich sei. Der Wunsch, mit Rußland zu einemvertragsmäßigen Verhältnis zu gelangen, tauchte bei Wilhelm II. wiedersehr lebhaft auf, als ihm der Zar infolge des für Rußland unerfreulichenGanges des Russisch-Japanischen Krieges anlehnungsbedürftiger erschien.

Es waren nicht allein die Erfolge der wie von Wilhelm II. so auch vomrussischen Hofe lange verachteten Japaner, die dem Zaren Sorgen ein-flößten. Auch im Innern des russischen Riesenreichs gestaltete sich dieLage kritisch. Die Großfürstin Maria Pawlowna schrieb an ihren Onkel,den Prinzen Heinrich VII. Reuß, unseren ehemaligen Botschafter inSt. Petersburg, Konstantinopel und Wien , der mir auch diesen Brief ver-traulich mitteilte: Der Arbeiterunruhen sei man Herr geworden durch dieMacht der Truppen. Die Geister aber hätten sich nicht beruhigt. ImGegenteil, aller Klassen und Kreise habe sich eine Art Fieber bemächtigt,und jeder glaube sich berufen, das Vaterland zu retten und zu führen.Dieser allgemeine Zustand sei ein nur zu günstiger Boden für ernste Um-sturzpläne, und die Leute wären auch nicht müßig pour exploiter et dirigerle mouvement. Es hieß weiter in diesem Schreiben:Das Traurigste beidem allen ist der totale Mangel d'une ligne de conduite von oben. Manschwankt von einem System zum andern, oft von einem Tag zum andern,und Du kannst Dir denken, wie das alles zurückwirkt. Darum ist auchwenigHoffnung und Rettung, und die scheinbaren Reformen haben keinen Ge-halt, denn man läßt ihnen keine Zeit. Kaum ausposaunt, sind sie schondurch neue ersetzt, meistens gelähmt. Man will oder kann nicht klar sehen,und warnende Stimmen wie zum Beispiel Wladimirs bleiben ohne Erfolg.Ich fürchte, Attentate werden bald ihre Schrecken verbreiten und die all-gemeine Konfusion noch vergrößern. Könnte ein halbwegs anständigerFrieden bald kommen, ließe sich die Geschichte vielleicht noch aufhalten.Eine feste, energische Hand könnte überhaupt alles noch retten. Nun, dassteht in Gottes Willen. In treuer Liebe Maria." Ähnlich wie die GroßfürstinWladimir sprach sich mir gegenüber vertraulich der russische BotschafterOsten-Sacken aus. Die Hauptgefahr wurzle in einem allgemeinen Gefühlvon Unsicherheit. Beinahe weinend resümierte der greise Diplomat seineAnsicht in die Worte:Un peu d'energie pourrait nous sauver, mais on nela voit paraitre nulle part." Für Osten-Sacken stand nach seiner eigenenMentalität wie nach den Traditionen seiner Familie die Rettung der russi-schen Dynastie in erster Linie. Deshalb war er gegen einen Frieden mitJapan um jeden Preis. Einen solchen wünschten nach seiner AngabeLiberale und Umstürzler, die in Rußland manchmal schwer zu unterscheiden

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