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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WILHELM IL DRÄNGT DEN ZAREN

persönlich verletzt worden wäre ? Vielleicht hätte ein vom Deutschen Kaisermit immer gleichmäßiger Freundlichkeit behandelter Lambsdorff schließ-lich gefunden, daß die russisch-französische Allianz und ein vorsichtigredigiertes russisch -deutsches Defensiv-Abkommen nebeneinander be-

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stehen könnten. Es lag hier ähnlich wie bei den deutsch -englischen Allianz-möglichkeiten um die Jahrhundertwende, wo auch der halsstarrige Wider-stand des englischen Premierministers Salisbury zu einem nicht geringenTeil auf dessen persönliche Ranküne gegen den Deutschen Kaiser zurück-zuführen war. Erst nachdem ich in einer Unterredung mit dem Grafen Osten-Sacken mit Nachdruck erklärt hatte, ich hätte keine Lust, dendindon de la farce" zu spielen, und würde deutsche Kohlenlieferungen anRußland nur zulassen, wenn uns Rußland bindende Zusicherungen für denFall gäbe, daß solche Lieferungen uns in einen Konflikt mit Japan oderEngland verwickeln sollten, bequemte sich das St. Petersburger Kabinettzu einer schriftlichen Zusage.

Trotz der durch mich an ihn gelangten Warnung des GroßfürstenWladimir, dem schwachen, aber, wie die meisten schwachen Menschen,gleichzeitig empfindlichen Zaren nicht zuviel Ratschläge zu erteilen,versteifte sich Wilhelm IL auf seine Mentorrolle. Schon im Februar 1905hatte der Kaiser einem seiner Vertrauten, dem Professor Theodor Schie-mann, gesagt, er arbeite an einemprächtigen" Briefe, in welchem er demZarengute Ratschläge" geben wolle. Dieser müsse von Moskau aus eineProklamation erlassen, ständische Vertretungen einführen und die an-archistische Bewegung mit Gewalt niederschlagen. Nach und nach gingKaiser Wilhelm noch mehr aus sich heraus. Wie aus den von den Bolsche-wisten veröffentlichten Briefen des Kaisers an den Zaren weiter erhellt,riet er ihm, sich selbst an die Spitze seiner Schwarze-Meer-Flotte zu stellen,aus eigener Kraft deren Durchfahrt durch die Meerengen zu erzwingen undmit seinen stolzen Schiffen in den Kampf zu ziehen. Er möge, um sein Volkmit fortzureißen, Vertreter aller Provinzen nach Moskau in den Kremlberufen, um sie in einer flammenden Ansprache für den Krieg zu begeisternund ihre Unterstützung für die vaterländische Sache und das öffentlicheWohl zu gewinnen. Derselbe Monarch, der anderen gegenüber so freigebigmit kühnen und hochherzigen Ratschlägen war, ließ selbst, ein Dezenniumspäter, in einem noch viel schwereren Kriege die Zügel der politischenLeitung am Boden schleifen. Er spielte, nachdem er so oft seine Stellungals oberster Kriegsherr als den Rocher de bronze seines Thrones bezeichnethatte, im Weltkrieg die Rolle des tatenlosen Zuschauers und verhielt sichin allem passiver als die wegen ihrer bescheidenen Zurückhaltung von ihmoft getadelten und verspotteten Monarchen von Belgien und Italien ,Rumänien und Griechenland , ja als die Präsidenten der Französischen