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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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A LA HUSSARDE

möglichste zu tun, damit das, was der Kaiser in Björkö erreicht zu habenglaube, dem Vaterland und unserer Politik tatsächlich zum Vorteil gereiche.Gegenüber seinen Sorgen und Ängsten erinnerte ich ihn an den Spruch desersten und größten Oraniers:Saevis tranquillus in undis." Das wäredessen Wahlspruch gewesen, unter einem Sturmvogel, der über Wellen undStürmen ruhig, ganz ruhig und still schwebe. Auch der tapfere Oranierwäre von Feinden und Neidern bedrängt worden, hätte ihnen aber mitRuhe und Ausdauer standgehalten. An seinem Vorbild möge der Kaisersich aufrichten. Wenn er mich weiter verwenden wolle, so würde ich ihmzur Seite stehen in Dankbarkeit und Hingebung und mit dem einzigenWunsch und Gedanken, ihm so zu nützen, wie es meiner Pflicht undmeiner Liebe zu ihm und zum Lande entspräche. Ich schloß mit derBitte, mich wissen zu lassen, wann ich ihm über einen etwaigen Brief anden Zaren und über die allgemeine Lage Vortrag halten könne. SeineMajestät erwiderte mir sofort telegraphisch:Herzlichen Dank, ich binwie neugeboren."

Es stand mir nun noch die delikate Aufgabe bevor, die Björkö-EpisodeDer Zar so abzuwickeln, daß sie beim Kaiser Nikolaus keinen tieferen Stachelrevoziert zurückließ. Kaiser Wilhelm hielt längere Zeit an der Illusion fest, daß derBjorkö 2 ar dem ihm in Björkö ä la hussarde aufgenötigten Vertrage treubleibenwerde. Er hat noch im September dem Zaren vorgeschlagen, er möge seineVertreter im Ausland anweisen, in allen Fragen gemeinsamer Politik mitihren deutschen Kollegen zusammenzugehen und zu diesem Zweck ihredeutschen Kollegen über ihre Instruktionen und Ideen zu unterrichten. Alsaber Lambsdorff den russischen Botschafter in Berlin anwies, mir ver-traulich mitzuteilen, der Zar fühle sich durch dringende Gründe bestimmt,von der in Björkö getroffenen Abmachung zurückzutreten, mußteWilhelm II. erkennen, daß sich durch einen Handstreich in wenigenStunden eine seit fünfzehn Jahren bestehende Machtgruppierung nichtändern läßt. Graf Osten-Sacken hatte mir übrigens auf ausdrücklichenBefehl des Kaisers Nikolaus und im Auftrag des Grafen Lambsdorff mit-geteilt, daß beide zu mir nicht nur volles Vertrauen hätten, sondern daßes auch der aufrichtige und lebhafte Wunsch des Zaren wie des St. Peters-burger Kabinetts wäre, mit dem deutschen Nachbar nach wie vor diefriedlichen, freundschaftlichen und sicheren Beziehungen fortzusetzen, dieseit hundertundfünfzig Jahren zwischen Rußland und Preußen-Deutsch-land bestünden. Kaiser Wilhelm richtete unter meiner Mitwirkung, die erbei seinen Briefen an den Zaren während einiger Zeit unter dem einen oderdem anderen Vorwand umgangen hatte, im Dezember 1905 ein würdigesSchreiben an Kaiser Nikolaus, in dem er dem russischen Herrscher sagte,es wäre nicht seine Absicht, ihm eine Lösung aufzudrängen, die Rußland