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überwog jede andere Rücksicht der brennende Wunsch, die Zeit, wo sie inder Nähe Seiner Majestät weilen durften, zu benutzen, um, wie FürstBismarck dies nannte, die eigene Matratze zu stopfen, d. h. die eigeneKarriere zu fördern. Ganz frei von einer solchen Tendenz war als Begleiterdes Kaisers der spätere Botschafter in London, Graf Paul Metternich , ge-wesen. Er hat nie einen Finger gerührt, um den damaligen Botschafter inLondon, Grafen Paul Hatzfeldt , zu verdrängen, obschon er selbst sich fürLondon hervorragend eignete und obwohl Hatzfeldt durch seinen traurigenGesundheitszustand die Möglichkeit bot, ihn zu „demolieren", wie derdiplomatische Terminus technicus lautet. Holstein und Kiderlen hattengewiß ihre großen Fehler, aber im Gegensatz zu Tschirschky, Schön,Flotow , Jagow e tutti quanti war der rein politische Betätigungsdrang beiihnen stärker ausgebildet als die persönliche Ambition. Ein anderer Fehler,der mir in den Berichten unserer Auslandsvertreter nur zu oft entgegentrat,war die Neigung, fremde Länder, fremde Zustände, ausländische führendePersönlichkeiten mit übertriebener Schärfe zu kritisieren und vor allem siemit mehr Behagen als Witz zu ironisieren. Auch diese Unsitte war imletzten Ende auf Schwächen Seiner Majestät zurückzuführen. Die Bericht-erstatter wußten, daß dem hohen Herrn ein gewisses überhebendes Her-untermachen alles Ausländischen, ein gewisser, sit venia verbo, naßforscherTon nicht mißfielen und daß er insbesondere gern über schlechte Witzelachte, namenthch wenn sie ihm unsympathischen Fürstlichkeiten,Ministern oder gar Parlamentariern galten. Ich sah mich deshalb am20. Mai 1905 veranlaßt, an unsere Missionen das nachstehende Zirkular zurichten:
„Ein mir vorhegender Bericht gibt mir Anlaß zu der Bemerkung, daßeine einseitige Kritik über das öffentliche Leben fremder Staaten einFehler ist, in den unsere Diplomaten zu meinem Bedauern zu häufig ver-fallen. Negierende Kritik ist ohne praktischen Wert. Bei den KaiserlichenVertretern im Auslande kommt es auf positive Tätigkeit an. MancheBeamte des auswärtigen Dienstes anderer Länder zeigen, was mit ziel-bewußter, vorurteilsloser und intensiver positiver Arbeit zu erreichen ist.Auch wir müssen bemüht sein, aus den Verhältnissen, wie sie nun einmalgegeben sind, den möglichsten Nutzen für uns zu ziehen. So hat, um nur einBeispiel anzuführen, der deutsche Export die Aufgabe, sich den Gewohn-heiten und Wünschen der fremden Einfuhrländer anzupassen, ohne Ver-such, unseren Geschmack dort aufzudrängen. Häufige Reisen im Lande,persönliche Betätigung an Ort und Stelle und reger Verkehr gerade mitinländischen Kreisen werden dazu beitragen, daß die Kaiserlichen Ver-treter für die besonderen Verhältnisse der Fremde Verständnis erwerben.Sie müssen dabei abweichenden Anschauungen und Gebräuchen unbefangen