DER ZAR MACHT FRIEDEN
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der als Jurist zu tüchtig war, um ein brauchbarer Diplomat zu sein. Daendlich die ängstliche Eifersucht von Radolm durch den damaligen Bot-schaftsrat in Paris, Hans von Flotow , dessen dienstliche Tüchtigkeit undpolitische Befähigung nicht auf der Höhe seiner Neigung zu Intrigenstanden, noch erheblich verstärkt wurde, so herrschte gerade bei der Be-handlung der so eminent wichtigen Marokko -Frage unter den Dii minorumgentium ein bedauerliches Durcheinander. Ich schrieb darüber an denStaatssekretär: „Besten Dank für die Nachrichten über den Fortgang derMarokko -Angelegenheit. Für unsere Weltstellung wie für die Stimmung inDeutschland ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir anständig ausdieser Frage herauskommen. Vorbedingung hierfür ist, daß alle Beteilig-ten — Rosen und Kriege, Radolin und das Amt — unter Zurückdrängungkleinlicher persönlicher Gesichtspunkte nur an das Vaterland und seinWohl denken. Darauf müssen Sie hinwirken, und in dieser Richtung werdeich Sie, wenn es nötig werden sollte, mit rücksichtsloser Entschiedenheitunterstützen. Ich dulde jetzt keine Quertreibereien und persönliche Emp-findlichkeiten."
Die russische Widerstandskraft gegenüber den Japanern näherte sichinzwischen ihrem Ende. Da sich gleichzeitig die innere Lage des großen Der FriedeReichs immer bedrohlicher gestaltete, entschloß sich Kaiser Nikolaus zum von Ports-Frieden, obwohl die meisten älteren Ratgeber des Zaren, viele Generale moutflund insbesondere der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch, davon abrieten.Es war, wenn auch mühsam, gelungen, in Moskau eine Erhebung, die keineRevolte mehr war, sondern eine sozialistische Revolution, in mehrtägigemStraßenkampf niederzuwerfen. Die Versuche der Polizei, die Erregung derMassen auf die Juden abzulenken, unter denen entsetzliche Metzeleien an-gerichtet wurden, schadeten dem zaristischen System bei allen Gebildetenund menschlich Empfindenden, ohne der Autokratie mehr als vorüber-gehende Entlastung zu verschaffen. In einem ad hoc einberufenen Kronratgab der Zar für die Friedenspartei den Ausschlag. Er entschloß sich auch,den ihm persönlich antipathischen Witte mit den Friedensverhandlungenzu betrauen, die unter amerikanischer Ägide in Portsmouth, einem ameri-kanischen Städtchen nördlich von Boston, im Staate New Hampshire ,stattfanden. Witte zeigte sich als ein Friedensunterhändler ersten Ranges.Obwohl er schlecht Englisch sprach, gelang es ihm doch durch sein impo-nierendes Äußeres, die slawisch-russische Leichtigkeit seiner Umgangs-formen und die Unermüdlichkeit, mit der er Händedrücke austeilte, durchsein ganzes Auftreten sich in Amerika rasch Bewunderung und Sympathienzu erwerben. Er hat mir später selbst erzählt, daß er an jenem Nachmittagestundenlang jeden, der sich meldete, empfangen und so viele Shake-handsausgetauscht habe, daß ihm hinterher die ganze Nacht seine rechte Hand