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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DAS FATALE AUTO

eintreten lassen und die Bilder Monaco , Bourgeois, Rouvier, Zaren-begegnung usw. Revue passieren lassen. Von all diesen Bildern scheint mirdie Gegnerschaft zwischen Onkel Bertie und Neffe Willy am wahrstenhervorzutreten, und sie scheint sehr beachtenswert, weil die stärkste Trieb-feder aller Handlungen also auch der Politik immer persönliche Leiden-schaft sein wird. In manchen Naturen wirkt der Neid, in anderen die Racheals stärkste Triebfeder. Bei Onkel Bertie wohl beides, denn die sittlicheEntrüstung des Neffen über den ,spielenden Onkel' wird dieser wohl niemalsvergessen haben. Auch will er jetzt, an der Spitze des gewaltigen England ,mehr gehört werden als der Neffe. Früher waren es die Weiber, jetzt ist diePolitik sein Sport, und da er sein Leben lang nur Sport getrieben hat, wirddie Mischung von Sport und persönlicher Leidenschaft von seinen Feindenzu fürchten sein. Der bevorstehende Besuch Wittes interessiert michsehr. Ich werde Dir den Besuch schildern, fürchte aber, daß S. M.wieder einmal zu offen sein wird was sich schließlich meiner Kon-trolle entzieht."

Zwei Tage später schrieb mir Eulenburg unter dem 26. September 1905:Witte traf heute Mittwoch %1 Uhr auf der Station ein. Ich holte ihn ineinem geschlossenen Automobil ab und mußte mich bei dem Gebrause desfatalen Vehikels anstrengen, den leise sprechenden Mann zu verstehen.Wir kamen bald in medias res, es freute mich, zu konstatieren, wie genau ermit seinen Gedanken unsere Wege wandelt. Er fühlt sich in der Tat soli-darisch mit unseren Interessen aber was nützt es, wenn Kaiser Nikolaus ihn nicht an die Spitze stellt? Um 1 Uhr trafen wir am Jagdhaus ein.Der Kaiser empfing Witte, vor der Tür promenierend. Er geleitete ihn mitAugust Eulenburg in sein Zimmer. Um %2 Diner. Witte rechts von derKaiserin. Die Unterhaltung über amerikanische Gewohnheiten warfließend, aber nicht übermäßig lebhaft. Nach dem Essen ging es besser.Der Kaiser, Witte und ich harmlos plaudernd und lachend. Dann empfahlsich die Kaiserin. Um wanderte der Kaiser mit Witte in sein Zimmerhinauf, und ich höre jetzt %5 Uhr in meinem Zimmer daneben baldlebhafter, bald schwächer die tönenden Laute der Unterhaltung. Um %5wurde der Pirschwagen gemeldet, und nach einem Gespräch von 2 % Stun-den trat der Kaiser mit Witte aus dem Zimmer. Der Kaiser sagte mir leise:,Es war großartig', und ich begleitete Witte in sein Zimmer. Er stand ganzunter dem Zauber der Persönlichkeit des Kaisers und sagte mir so be-wegt, als er es überhaupt sein konnte: ,Björkö est le plus grand soulagementde ma vie! le seul moyen d'arriver ä une politique stable.' (S. M. hatteihm gesagt, daß ich orientiert sei.) Es knüpfte sich natürlich an diese Be-merkung ein Gespräch über die Wirkung und die Art der Behandlung derAngelegenheit. Ich betonte öfters, daß die absolute Verschwiegenheit