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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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FRIEDRICH WILHELM IV. WEINT TRÄNEN

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faire." Immerhin blieb er ein Mann von Geist und wußte interessant ausdem Leben seines Vaters zu berichten. So erzählte er gern als Beitrag zurPsychologie der Fürsten, wie sich Friedrich Wilhelm IV. von seinem liebstenFreunde trennte. Als dieser im November 1850, wenige Tage vor der 01-mützer Konvention, seinen Vortrag als Minister des Äußeren beendigthätte, habe der König ihn in seine Arme geschlossen und ihm unter Tränenversichert, daß nichts auf der Welt sie voneinander scheiden könne undwerde. Er begleitete seinen Günstling noch bis ins Vorzimmer und sah ihmnach, bis er die Schloßtreppe hinabstieg. Zu Hause angekommen, habe derMinister ein Schreiben des Königs vorgefunden, etwa folgenden Inhalts:Als Seine Majestät den Minister soeben in seine Arme geschlossen hätte,wären seine Tränen um so reichlicher geflossen, als er gewußt hätte, daßer ihn nicht so bald wiedersehen würde. Er müsse der Staatsräson dasschmerzliche Opfer bringen, sich von seinem teuersten Freund zu trennen.Dem gefallenen Minister wurde eine Sinekure in Erfurt übertragen mitder Weisung, diesen Ort nur mit spezieller Erlaubnis Seiner Majestät zuverlassen. Der Gestürzte überlebte seinen Fall nur um zwei Jahre. DerSohn war nach zehnjähriger verdienstvoller Tätigkeit am Goldenen Horn auf Betreiben Holsteins in Madrid kaltgestellt worden. Mir war es eineFreude, ihm am Ende seiner politischen Laufbahn, nach vielen ihm wider-fahrenen Enttäuschungen die Genugtuung zu verschaffen, in den Vorder-grund der politischen Bühne zu treten.

Über die europäische Konstellation und speziell über die Lage der Dingein England im Augenblick, wo die Konferenz von Algeciras begann, hatte Briefmir Metternich einen interessanten Brief geschrieben. Es war ihm Metternichsgelungen, im Sommer 1905 mit angesehenen Führern der englischen BülowLiberalen die gemeingefährliche Deutschenhetze in England zu be-sprechen und sie auf die Gefahr dieser Agitation aufmerksam zumachen. Einer der angesehensten Führer der Liberalen, der leider baldnachher durch einen Schlaganfall der poktischen Arena entrückteLord Spencer , hatte daraufhin öffentlich in eindringlicher Weise zurVersöhnlichkeit gemahnt. Die engbsche Presse, besonders die liberale,hatte einen ruhigeren, zum Teil sogar freundlichen Ton gegenüberDeutschland angeschlagen. Auch eine Anzahl Novembernummern ver-schiedener Revuen hatten verständige Artikel über die deutsch -englischenBeziehungen gebracht. Metternich fuhr fort:Aus allem geht hervor, daßman hier Einsicht nimmt und an eine Umkehr denkt. Leider sind die Matin-Enthüllungen dazwischengefahren und haben das deutsche Volk, wie dasnicht anders sein konnte, mit Erbitterung gegen England erfüllt. Ich machenicht zum ersten Male, seitdem ich England kenne, die Beobachtung, daß,wenn Neigung in Deutschland zur Annäherung an England hervortritt, sie