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HALDANE ÜBER DIE ENTENTE
dem konservativen Wahlmanöver der Anschwärzung der liberalen Parteiin auswärtigen Dingen entgegenzutreten. Von diesem Gesichtspunkte ausmüsse die Rede betrachtet werden. Sir Edward Grey und die übrigen Leiterder liberalen Partei seien aber einig darin, daß gegen die Verhetzung zwi-schen England und Deutschland etwas geschehen müsse. Der Enthusiasmusfür Frankreich sei hier deshalb so groß, weil die Liebe noch jung sei. Mitder Zeit werde alles in ruhigere Bahnen gleiten, und wenn, wie er hoffe,die Marokko-Konferenz ohne neue ernstliche Reibungen zwischen Deutsch-land und Frankreich vorübergegangen und die liberale Regierung in einigenMonaten am Ruder sei, so sei der Augenblick für eine Annäherung anDeutschland gekommen. Die liberale Partei wünsche zwar die Entente mitFrankreich festzuhalten, sie wolle deshalb aber nicht einen Gegensatz zuDeutschland schaffen. Er und seine poetischen Freunde hätten den Wunsch,eine ebensolche Annäherung zwischen England und Deutschland herbeizu-führen, wie sie zwischen England und Frankreich gelungen sei. Wenn ineinigen Monaten die liberale Regierung formiert sei, so werde systematischan dem Werke der Annäherung an Deutschland gearbeitet werden. Auchmüsse versucht werden, eine Annäherung zwischen den beiden Herrschernherbeizuführen. Die Mißstimmung bei König Eduard hänge noch vielfachmit Erinnerungen an die Behandlung zusammen, die er als Prinz von Wales erfahren habe. Wenn das Werk der Annäherung zwischen den beiden Na-tionen gelingen solle, so müsse bei dem großen persönüchen Einfluß derbeiden Souveräne auf den Gang der Politik auch eine Annäherung zwischenihnen wieder erfolgen. Ich erwiderte Herrn Haidane, daß er und seine Mit-arbeiter bei dem Werke der Aussöhnung zwischen beiden Ländern auf meinebescheidene Hilfe und auch auf den guten Willen der kaiserbchen Regie-rung zählen könnten. Er war über diese Zusicherung sehr erfreut. Die Aus-söhnung mit Deutschland steht schon jetzt auf dem Programm der liberalenPartei, wie aus vielen Reden und Schriften ihrer Mitgbeder ersichtlich ist.Die Parteileitung will sich aber vor den Wahlen nicht zu sehr avancieren,um nicht der Beschuldigung ausgesetzt zu werden, daß sie die populäreEntente cordiale dadurch störe. Sie hat aber die Absicht, sobald sie festim Sattel sitzt, eine Annäherung an Deutschland zu betreiben. Endenächster Woche treffe ich mit zwei oder drei anderen liberalen Partei-führern eigens zu dem Zweck zusammen, um die deutsch -englischen Be-ziehungen mit ihnen zu besprechen. Ich glaube, daß auch unter der übe-ralen Regierung die Entente mit Frankreich den Pivot der englischenPolitik bilden wird. Es ist aber immerhin schon erfreulich, den guten Willenvorzufinden, um die Spannung mit Deutschland zu beseitigen."
Am 6. November 1905 hatte der englische Minister des Äußern LordLansdowne erklärt, daß die englischen Einvernehmen mit Japan und