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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WILHELM II. IN UNRUHE

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machen als Lansdowne-Chamberlain-Balfour in den letzten Jahren. Ichfügte in meinem Brief an den Kaiser hinzu, und dies nicht bloß referierend,sondern recht eigentlich in usum Delphini:Ich habe mit beiden Knienauf unsere Presse gedrückt, damit sie nun kein Triumphgeschrei anstimmtund auch die Anbiederung an England nicht zu weit treibt, denn es kommtjetzt darauf an, die englischen Liberalen nicht durch ein forciertesSichherandrängen kopfscheu zu machen und der englischen Aktions-partei nicht die Möglichkeit zu geben, die Liberalen als germanophil zudiskreditieren."

Je länger die Konferenz von Algeciras dauerte, um so höher stieg dieNervosität Seiner Majestät. Sie wurde noch durch einen wohlgemeinten,aber nach Lage der Verhältnisse nicht glücklich wirkenden Brief des treff-lichen Großherzogs Friedrich von Baden verstärkt, der Seiner Majestätunter anderem schrieb:Wie schädlich ein Krieg mit Frankreich dermalenfür uns wäre und wie unpopulär in Deutschland , das ist wohl selbstredend.Ein solcher Krieg kann nur von denen gewünscht werden, die unsere hoch-entwickelte Industrie durch Hinderung eines genügenden Exportes rui-nieren wollen, was auch erfolgen würde, wenn der Krieg endlich siegreicheErfolge zu Lande hätte. Aber wir würden alle Verbündeten verlieren undnur schwer wiedergewinnen. Bei der gottlob vorhandenen friedlichen Ge-sinnung der deutschen Reichsregierung würde man in Deutschland einEntgegenkommen derselben in der Marokko -Frage freudig begrüßen unddem Wiederaufblühen unserer industriellen Interessen dankbar entgegen-sehen. Ist Frankreich seiner östlichen Grenzen sicher und überzeugt,daß Deutschland aufrichtig den Frieden will, so wird uns trotz derelsaß- lothringischen Frage ein Entgegenkommen in Algeciras vongrößtem Nutzen sein." Ich ließ es mir angelegen sein, den patriotischenund weisen, mir freundüch gesinnten Großherzog durch eingehendevertrauliche Mitteilungen aus den Akten darüber aufzuklären, daß seineWünsche sich mit meinen Zielen deckten, die ich mit Gottes Hilfe auchzu erreichen hoffe.

Dem Kaiser gegenüber hielt ich daran fest, daß, wenn wir nicht dieNerven verlören, wir zu einer Verständigung gelangen würden, auch ohnenach Olmütz zu gehen". Ich glaube, daß wir in Algeciras in verschie-denen Einzelfragen noch mehr durchgesetzt haben würden, wenn wir, un-beeindruckt durch das Geschrei der englischen und französischen Presseund das ziemlich unwürdige Gewinsel einiger deutscher Zeitungen, keinenZweifel darüber gelassen hätten, daß wir ein ergebnisloses Auseinandergehender Konferenz nicht mehr als andere zu fürchten hätten. Der Kaiser wolltees aber auf einen solchen Ausgang nicht ankommen lassen. In einem langenGespräch im Garten des Reichskanzlerpalais , Anfang April 1906, drückte

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