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Es kommt nur darauf an, die eine wie die andere Eigenschaft im richtigenMoment zur Anwendung zu bringen. Ein konsequent überheblicher undrücksichtsloser, chauvinistischer Ton, knotige Manieren, ungestüme An-remplungen des Auslandes, wie wir sie leider nur allzu häufig in einem Teilunserer Presse erleben, wirken schädbch. Es würde unberechenbare Kon-sequenzen nach sich ziehen, wenn ich in meiner verantwortlichen Stellungeinen solchen Ton anschlüge. Ich denke also auch weiterhin festzuhaltenan dem Motto, das auf einem alten Bülowschen Famüienstammbuch von1650 steht:
Der ist nicht flugs ein Edelmann,Der geboren ist aus großem StammOder der Geld und Reichtum hatUnd tut doch keine redliche Tat.Die Tugend und die HöflichkeitAdelt den Menschen allezeit.
Wenn die Alldeutschen sich auf den Fürsten Bismarck berufen, so zeigtein eingehenderes Studium der Reden und Handlungen dieses größtendeutschen Staatsmannes, daß dessen Force nicht in sporenklirrendenKürassierstiefeln noch im rasselnden Pallasch bestand, sondern im rechtenAugenmaß für Menschen und Dinge. Ein Minister, hat Bismarck einmalim Reichstag gesagt — oder war es im Preußischen Abgeordnetenhaus ? —könne den Strom der Zeit nicht hervorrufen, könne ihn nicht einmal lenken.Er könne das Staatsschiff nur steuern nach seiner Ansicht und Überzeugung.Steuere er es mit Glück, so habe er seinem Lande gut gedient, steuere eres mit Ungeschick, so verfalle er der Vergessenheit. Die Bestrebungen desAlldeutschen Verbandes haben das Gute, daß sie das Nationalgefühl wach-zuerhalten suchen, indem sie dem Hang des deutschen Philisters zu ver-schwommenem Kosmopolitismus und zu beschränkter Kirchturmspolitikentgegenwirken. Aber für die praktische Führung der Politik kommt esnoch mehr auf den Kopf als auf Wärme und Güte des Herzens an, davonwürde sich selbst der gute Professor Hasse überzeugen, wenn er an meinerStelle stünde. Mein Nationalgefühl ist mindestens ebenso empfindlich undebenso lebendig wie das des gesinnungstüchtigsten Alldeutschen. Aber meinPatriotismus ist verbunden mit einem größeren Maß von Selbstbeherr-schung und Vorsicht, von Mäßigung und Überlegung. Ich besitze einegenauere Kenntnis der Verhältnisse als diese guten Leute und schlechtenMusikanten, eine Kenntnis, die mich in den Stand setzt, Gefahren zuerkennen, die sie nicht sehen, und die mich verhindert, mich subjektivenEmpfindungen widerstandslos hinzugeben. Ich kann besser als sie über-sehen, welche Folgen eine impulsive Politik für das Land haben würde.