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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE BALTISCHEN PROVINZEN ANGLIEDERN

wird in der nahen Zukunft vor ganz andere Aufgaben gestellt werden wieheute." Freiherr von Jenisch hatte hinzugefügt, es unterläge für ihn keinemZweifel, daß dieser Ideengang des Kaisers die Folge seiner Gespräche mitSchiemann sei. Schiemann hatte sich Jenisch gegenüber schon vorher inähnlichem Sinne geäußert. Dieser hatte ihn dringend davor gewarnt, demKaiser solche Vorschläge zu machen oder Ratschläge zu geben. Schiemannhatte das auch fest zugesagt, aber sein Versprechen nicht gehalten.

Herr von Jenisch fuhr in seiner Meldung fort:Ich habe dem Kaisergesagt, daß, wie mir Kapitän Hintze versichert, von einer Gravitie-rung der deutschen Elemente in den baltischen Provinzen bisher nichts zumerken sei und daß Schiemann die Verhältnisse in den Ostseeprovinzensehr einseitig zu beurteilen scheine. Wie mir Admiral von Müller erzählt,fängt der Kaiser an ungeduldig darüber zu werden, daß aus Peterhof nochkeine bestimmten Mitteilungen über die Absichten des Kaisers Nikolaushinsichtlich einer Begegnung mit ihm eingetroffen sind. Seine Majestätwollten daher dort telegraphisch anfragen. Ich habe Admiral von Müller inseiner Ansicht bestärkt, daß ein solcher Schritt notwendigerweise in Peter-hof den Eindruck hervorrufen würde, als ob uns besonders an der Begeg-nung gelegen sei und wir in diesen kritischen Zeiten den Zaren zum Ver-lassen seines Reichs bewegen wollten. Das werde dann wieder wie schonfrüher politisch gegen uns ausgenutzt werden. Der Kaiser hat sich nunmehrdamit einverstanden erklärt, daß Kapitän Hintze, der nach den Festlich-keiten in Drontheim nach Petersburg zurückkehrt, sich unter der Handnach den Absichten des Zaren erkundigt. Prinz Heinrich hat neidich in Kiel mich dringend ersucht, Dich zu bitten, Du möchtest Tirpitz in seinem Amtzu erhalten suchen. Der Kaiser sei von irgendeiner Seite gegen ihn beein-flußt worden und habe ihm, Prinz Heinrich, wiederholt gesagt, Tirpitz seimit an Deiner Erkrankung schuld. Das habe Prinz Heinrich gleich zurück-gewiesen, ebenso die Insinuation, daß Tirpitz Reichskanzler werden wolle.Er, der Prinz, kenne Tirpitz viel zu genau, um nicht zu wissen, daß er nie-mals solche Ambitionen haben würde. Leider sei Tirpitz von Charakter sehrmißtrauisch und übelnehmerisch. Der französische Jachtbesitzer Menier,derselbe, der vor vier Jahren Waldeck-Rousseau an Bord hatte, wurde mitzwei schönen jungen Frauen und seiner sonstigen Begleitung ganz besondersvom Kaiser ausgezeichnet. Er plädierte für einen Zusammenschluß dereuropäischen Mächte gegen Amerika und für einen Besuch des Kaisers inParis . Seine Majestät hat übrigens den Wunsch ausgesprochen, daß seinesämtlichen Gäste, mit der Gesandtschaft 34 Personen, zu dem Galadinerin Drontheim eingeladen werden."Die polnische ^ er von m ' r bereits mehrfach erwähnte Professor Theodor Schiemann Frage gehörte zu denjenigen Balten, die alle Vorgänge und Verhältnisse, die ganze