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DIE TOCHTER DER NORDMARK
höchste Gefahr für unsere Sicherheit und für unsere Zukunft. Ein Pak-tieren mit den Polen konnten nur weltfremde deutsche Phantasten emp-fehlen. Dagegen waren die kaum 135000 Dänen in Nordschleswig keineernstliche Gefahr für unseren Staat und für unser Volkstum. Mein Wunschwar, vom Landtag eine größere Summe für das allmähliche Aufkaufen derdänischen Bauerngüter in Schleswig zu erlangen und an ihrer Stelle Süd-schleswiger oder Holsteiner anzusiedeln. Die Sprachenfrage wollte ich kulantbehandeln, denn wenn leider eine alte Erfahrung zeigte, daß die romanischenSprachen, Französisch und Italienisch, der deutschen leicht Terrain abge-winnen und daß selbst die slawischen im Kampf gegen die deutsche Sprachetraurige Erfolge aufzuweisen haben, so ist die deutsche Sprache in Nord-schleswig seit Jahrhunderten im Fortschreiten gewesen. Gegen die Forderungeines größeren Fonds für Nordschleswig hatte leider das StaatsministeriumBedenken, und in der Sprachenfrage wollte der Kaiser unter dem Einflußseiner Augustenburgischen, sehr antidänischen Verwandten nicht nach-geben. Die Kaiserin hatte meinem Vetter Jenisch , der sie und den Kaisernach Kopenhagen begleitete, nicht verhehlt, daß sie mich zu „dänen-freundlich" fände. Sie schrieb ihm: „Ich bin als Kaiserin und Frau meinesMannes nach Dänemark gegangen, natürlich auch höflich und freundlichgewesen, da diese Reise es von mir verlangte. Es ist das erstemal, daß ichals Tochter der Nordmark dies tun mußte. Wo ist der Dank ? Der Nutzen ?Sie wissen, daß ich mich nicht gern politisch einmische, aber etwas Lokal-patriotismus hat man doch. Die Kämpfe Schleswig-Holsteins gegen Däne-mark sind derartig mit meiner eigenen Familie verquickt gewesen, meineigener Vater ist ein Opfer dieser Kämpfe geworden, da werden Sie ver-stehen, daß es auch mir ins Herz schneidet, wenn das Deutschtum inNordschleswig durch zu larges Entgegenkommen für Dänemark froissiertwird. Die Dänen sind stets glatt gewesen, aber falsch." Wenn die guteKaiserin in an und für sich begreiflicher Familientradition keinerlei Scho-nung der Dänen wünschte, so hatte bei dem Besuch in Kopenhagen derKaiser es umgekehrt übelgenommen, daß ich ihn durch den Vertreter desAuswärtigen Amts hatte bitten lassen, in seinen dortigen Auslassungen diedänenfreundliche Note nicht zu forcieren. Herr von Jenisch schrieb mirdarüber: „Ich sagte Seiner Majestät, es sei Deines Erachtens wichtig, inKopenhagen den richtigen Ton anzuschlagen und bei der Ängstlichkeit desKönigs nicht zu chaleureux zu werden. Das hättest Du mir bei DeinerAbreise noch besonders ans Herz gelegt. Seine Majestät antwortete mir,das solle man nur ruhig ihm überlassen, er werde schon den richtigen Tontreflen. Dafür regiere er schon zwanzig Jahre. Nach dieser Antwort war esnatürlich für mich ganz unmöglich, ohne Gefahr zu laufen, einen gewaltigenZorn zu erregen, Deinen Entwurf zu einer Rede vorzulegen."