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DAS SYSTEM TIRPITZ
erforderlichen Mittel durch den Reichstag einiges beigetragen hätte. Schondeshalb hätte ich das Recht, zu Maß und Vorsicht zu mahnen. „Est modusin rebus, sunt certi denique fines", zitierte ich aus den Satiren des Horaz .Ich wäre nach wie vor der Überzeugung, daß wir wie das Recht so diePflicht hätten, uns eine für unsere Verteidigung ausreichende Flotte zubauen. Ich könne aber nicht einsehen, warum wir nicht trachten sollten,auf der Basis eines langsameren Tempos im Ausbau der Flotte mit England zu einer Verständigung zu gelangen. Es gibt kaum eine andere Frage, überdie ich so häufige und bisweilen so scharfe Diskussionen mit Seiner Majestätgehabt habe. Mit Tirpitz ging ich mehr auf Einzelheiten ein. Unter vollerAnerkennung seines Organisationstalents, bei aller Achtung für seinegeniale Persönlichkeit und seine glühende Vaterlandsliebe frug ich, warumwir unsere Flotte immer sprungbereit England gegenüber in der Nordsee hielten, statt unsere Kriegsflagge auch einmal in anderen Meeren, im Mittel-meer oder im Stillen Ozean zu zeigen. Ich frug auch, warum wir uns ganzauf den Bau der Großkampfschiffe konzentrierten, statt mehr Gewicht aufdie Küstenbefestigungen und das Torpedowesen zu legen und namentlichund vor allem auf die Entwicklung und Förderung der U-Boot-Waffe.Tirpitz antwortete mir, der Kaiser besorge, daß, wenn wir seine gebebtenGroßkampfschiffe aus den heimatlichen Gewässern herausschickten, dieEngländer sie „kopenhagenen" würden, um eine Wendung von Lord Fisher zu gebrauchen. Die Großkampfschiffe erklärte Tirpitz für den wenn nichtallein so doch ganz überwiegend entscheidenden Faktor in einem even-tuellen Krieg. Der ganze Gedankengang des Erbauers der deutschen Flotteging offenbar dahin, daß wir, wenn es zum Kriege käme, sofort mit unsererFlotte auslaufen und die Engländer zu einer großen Schlacht auf offenerSee zwingen müßten. In einer solchen könnten wir vielleicht siegen.Jedenfalls hätten wir gute Chancen und würden zweifellos die englischeFlotte so schwächen, daß dann der Augenblick gekommen wäre, mit Unter-seebooten das nicht mehr die Meere beherrschende Albion zum Frieden zuzwingen. Ich maße mir kein Urteil über die Richtigkeit dieses Gedanken-gangs an. Aber ich bin der Meinung, daß Wilhelm II. nach dem Ausbruchdes Weltkrieges wohl daran getan hätte, dem Erbauer und Schöpfer derFlotte, Tirpitz, auch ihre Verwendung und Leitung zu überlassen. Und ichbin weiter der Überzeugung, daß in diesem Falle wir nicht das jammervolleEnde erlebt hätten, das unserer tapferen Flotte in Scapa Flow beschiedenwar. Diejenigen, die Tirpitz bei Beginn des Weltkrieges die Dispositionüber die Flotte aus der Hand nahmen und ihn selbst kaltstellten, der Chefdes Marinekabinetts Admiral Müller, der Admiral Holtzendorff, vor allemBethmann Hollweg und Jagow, die England nicht „reizen" wollten, tragendie Schuld, wenn so langjährige Arbeiten und Mühen, so viel Geist und