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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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DER ZWEIFRONTENKRIEG DER ZUKUNFT

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Bundesgenossen fänden sie jetzt nicht. Wir brauchten auch einen eng-lischen Angriff nicht zu fürchten, denn wir könnten den Engländern zurSee schon jetzt den größten Schaden zufügen. Die angebliche englische Aufregung über unsere Schiffsbauten sei nur ,Mache', aus innerpolitischenMotiven hervorgegangen. Das sei die Auffassung, die ihm Admiral vonTirpitz vorgetragen habe, und der müsse er sich anschließen."

Die vorstehende Aufzeichnung gibt nur das Gerippe meines langen undeingehenden Immediatvortrages vom 11. Juni 1909. Ich wies nachdrücklich,mit statistischem Material und an der Hand der Geschichte auf die großenHilfsquellen hin, über die England verfüge, auf die gewaltige Leistungs-fähigkeit und Energie, die es in allen seinen Kriegen, von den Kriegen gegenLudwig XIV. und Napoleon I. bis zum Burenkrieg, entfaltet habe. Ichsagte Seiner Majestät, ich glaubte auch jetzt nicht, daß England uns vonheute auf morgen, unerwartet, überfallen werde, wieder Kaiser dies mehrfachbefürchtet habe. Wohl aber bestehe die Gefahr, daß, wenn das Rennen mitEngland im Schiffsbau im bisherigen Tempo fortgesetzt würde, England ,sobald wir in Verwicklung mit irgendeiner andern Macht gerieten, ins-besondere mit Rußland , sich sofort auf die Seite unserer Gegner schlagenwürde. Das lähme unsere Politik nicht nur in der Gegenwart, sondern be-drohe uns für die Zukunft mit schweren Gefahren. Ein Zweifrontenkriegsei unter allen Umständen für uns eine ernste Sache, mit England auf derSeite von Frankreich und Rußland auf der anderen Seite. Der Kaiserwollte meine Besorgnisse nicht gelten lassen. Er berief sich dabei aufunseren Generalstab. Ich erwiderte, auch der Generalstab sei nicht unfehl-bar; so unterschätze er auch erheblich die Force noire der Franzosen undmeine, aus Afrika würde Frankreich nicht viel brauebares Soldaten-material ziehen können; Afrika würde im Gegenteil den Franzosen mehrSoldaten zum Uberwachen kosten, als Soldaten für die französische Armeegegen uns stellen. Diese Auffassung hielte ich auf Grund meiner bei einerReise in Algier und Tunis gewonnenen Eindrücke für irrig. Ich hätte,betonte ich, die denkbar beste Meinung von dem preußischen Generalstab,diesem klugen Hirn der Armee, aber es sei von alters her ein Fehler unserespreußischen militärischen Denkens gewesen, die Westmächte und spezielldie Engländer militärisch zu unterschätzen. Ich schalte hier ein, daß mirdie Zukunft, zu meinem Schmerz, in dieser Beziehung recht gegeben hat.Schon Weihnachten 1914 standen fast fünfhunderttausend Engländer inFrankreich, 1917 an zwei Millionen. England hat im Weltkrieg über sechsMillionen Mann ins Feld gestellt, dazu noch über drei Millionen Soldatenaus seinen Kolonien, aus seinen Dominions und aus Indien. Es hat imganzen zehn Millionen Mann mobilisiert. Im Laufe meiner wiederholten, vonmeiner Seite ruhig und mit mögbehster Klarheit ernst und nachdrücklich