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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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TIRPITZ BINDET SICH NICHT

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mit denen ich und meine Frau kommen möchten, wann es uns paßte.Wenn das eine Automobil unterwegs eine Panne hätte, sollten wir in dasandere steigen. Meine Frau und ich trafen erst nach neun Uhr in Potsdam ein. Als meine Frau sich bei der Kaiserin entschuldigte, meinte diese:Wirhaben gern auf Sie und Ihren Mann gewartet. Der Kaiser freut sich so sehr,Ihren Mann zu sehen und ihm zu danken." Bald nachher erschien derKaiser und sagte mir freudestrahlend, er habe ein Telegramm des Zarenerhalten, der ihm aus eigener Initiative eine Begegnung in den finnischen Schären vorschlage.Das wagte ich ja gar nicht zu hoffen", meinte derKaiser,das geht über meine Erwartungen und Hoffnungen! Die bosnischeFrage haben Sie großartig gedeichselt."

Die freudige Stimmung des Kaisers wurde noch dadurch erhöht, daßin denselben Tagen der Marineetat im Beichstag glatt über die Bahn ging. BülowAlle bürgerlichen Parteien stimmten zu, die Sozialdemokraten enthielten an Tirpitzsich der Abstimmung, aber erhoben keinen Widerspruch. Gerade im Hin-bHck darauf, daß durch diese Haltung und Abstimmung des Beichstags unsdie Möglichkeit gegeben war, England in der Frage der Verlangsamung desFlottenbautempos entgegenzukommen, ohne uns der Mißdeutung auszu-setzen, als ob wir aus der Not eine Tugend machten ein Moment, auf dasin seinem Brief vom 25. Januar 1909 Metternich besonders Gewicht gelegthatte, entschloß ich mich zu einem sehr eingehenden und sehr ernstenSchriftwechsel mit dem Staatssekretär des Beichsmarineamts. Geradeweil ich nicht wußte, wie lange ich noch die auswärtige Politik des Beichsführen würde, wollte ich noch einmal auf das Wünschenswerte einer freund-lichen Verständigung mit England nachdrücklich hinweisen und jedenfallseiner Forcierung unserer Schiffsbauten für die Zukunft einen Biegel vor-schieben. Meine Ausführungen kamen im Kern darauf hinaus, daß dieMarine uns endlich erklären müsse, wann wir die für unsere Verteidigungnotwendige Flottenstärke erreicht haben würden. Ich erinnerte an meinefrüheren Ausführungen in dieser Bichtung. Ich erinnerte auch an alles, wasich positiv und negativ für den Bau der Flotte getan hätte: positiv, indemich im Lande das Verständnis für die Notwendigkeit einer verteidigungs-fähigen Flotte erweckte und die zu diesem Zwecke nötigen Vorlagen imBeichstage durchbrachte; negativ, indem ich unter sehr schwierigen Ver-hältnissen erreichte, daß die Flotte im Frieden gebaut werden konnte.Tirpitz antwortete ausweichend. Er wollte sich nicht binden, sich alleMöglichkeiten offenhalten, getrieben von edlem Ehrgeiz, von tiefer Vater-landsliebe, von überragender Sachkenntnis auf seinem Spezialgebiet, demSchiffsbau, aber doch mit Unterschätzung der Gefahren, die im Fall einereuropäischen Konflagration von einem durch unsere Schiffsbauten allzugereizten und allzu mißtrauisch gewordenen England drohten.

30 Bülow II