HOLSTEIN: „SIE MÜSSEN BLEIBEN!'
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des langjährigen italienischen Botschafters in Berlin , Grafen Launay, denHolstein als das Vorbild eines abwägenden, vorsichtigen Staatsmannesschätzte, und endlich eine Photographie, die meine Frau und meinen BruderAlfred darstellte, wie sie in Venedig auf dem Markusplatz Tauben füttern.Solche Bilder werden bekanntlich in Venedig für einige Lire in kürzester Fristhergestellt. Holstein hatte von Fieber glänzende Augen und stark geröteteWangen. Von Frau von Lebbin war mir vorher gesagt worden, daß er, umbei seinem Schwächezustand mit mir sprechen zu können, sich zur Anregungder Herztätigkeit eine starke Kampfereinspritzung hatte geben lassen.
Die erste Frage, die er an mich richtete, war, ob ich bleiben würde. Icherwiderte, daß das nicht allein von mir abhinge. Holstein setzte mir mitsichtbarer Anstrengung in eindringlichstem Ton auseinander, ich müsseim HinbUck auf die auswärtige Lage unter allen Umständen bleiben, einer-lei ob der Kaiser noch Vertrauen zu mir habe oder nicht, einerlei ob derReichstag meinen Vorschlägen in der Reichsfinanzreform zustimme odernicht. Ich antwortete, daß, sich Situationen ergeben könnten, wo es mirnicht möglich sein würde, zu bleiben. Ich wollte nach zwölfjähriger Amts-tätigkeit als aufrechter Mann bleiben oder fallen. Ich würde meinen Namennicht unter Gesetze setzen, nicht Maßnahmen zustimmen, von deren Schäd-lichkeit ich überzeugt wäre, überhaupt eine Entwicklung nicht mitmachen,die ich für falsch und verderblich hielte. In erregten, sich überstürzendenWorten entgegnete der alte Holstein: „Sie müssen bleiben, ich sage Ihnen,Sie müssen bleiben! Wer soll denn außer Ihnen mit einem so unberechen-baren und unvorsichtigen Kaiser, mit einem so unpolitischen Volk und miteinem in allen auswärtigen Fragen kindlich unreifen Reichstag unser Schiffsteuern ? Bleiben Sie wenigstens noch vier, fünf Jahre! Sie haben die bos-nische Krise brillant überwunden, Sie haben es gleichzeitig verstanden,uns wieder zu Rußland in ein besseres Verhältnis zu bringen, als wir es seitBismarck gehabt haben. Selbst Harden, der Sie nie gesehen hat, der Sieseit Ihrem Amtsantritt, also seit zwölf Jahren, auf das schärfste angreift,erklärt in der ,Zukunft', daß Sie im Balkanrennen, wie er es nennt, dereinzige wirkliche Sieger wären. König Eduard habe die erste sichtbareNiederlage seines Regentenlebens erlitten, Iswolski den Ruf eines boshaftenNarren erreicht, Clemenceau sich nur durchgeschlängelt, Aehrenthal dieErreichung seines Ziels mit zu hohem Preise bezahlt. Sie allein hätten alleserreicht, was Sie angestrebt hätten, und sich wieder^als unentbehrlicherMeister der Diplomatie bewährt. Sie müssen bleiben! Das sagt sogar Har-den, Ihr Feind Maximilian Harden ! Man soll Einen wenigstens Zeit lassen,ein Flottenabkommen mit England zustande zu bringen. Dann mag manSie in Teufels Namen fortschicken. Aber jetzt sind Sie noch unentbehrlich!"Ich wollte den dem Tode nahen Mann nicht durch Widerspruch noch mehr
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