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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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RETUSCHIERTE KAI SERGESPRÄCHE

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Zensur gebe. Ob S. M. damit aucb seiner Stellung als konstitutionellerMonarch nachträglich Rechnung tragen oder nur mit dem Achilleion undden angeblichen Erfolgen seiner politischen Tätigkeit auf Korfu sich brü-sten wollte, weiß ich nicht. Jedenfalls lautete der Auftrag so bestimmt, daßich ihn ausführen mußte. Der Kaiser sagte mir noch beim Abschied, daß ersich meine Berichte vorlegen lassen werde. Damit sollte mir die Note ange-wiesen werden. Sie können sich denken, wie wenig der erteilte Auftragmir sympathisch war. Es ist das erste Mal, daß ich in einem Bericht überBlumenflor und Volkstänze schreiben muß. Aber der Kaiser hat gewollt,daß alle diese Kindereien in dem Berichte erwähnt würden. Noch wenigerleicht war es, über die von dem Kaiser geführten Gespräche zu berichten.Nach meiner Darstellung nimmt es sich so aus, als ob S. M. in hoher Weis-heit immer gleich die richtigen Antworten erteilt habe. Das war aber keines-wegs immer der Fall. Im Gegenteil haben Jenisch und ich immer retu-schieren müssen, um bei den Griechen eine richtige Auffassung der kaiser-lichen Reden zu erzielen. Gleich bei der ersten Begegnung mit König Georg hatte der letztere den Kaiser so gerührt, daß er bereits versprochen hatte,den anderen Kabinetten eine baldige Lösung der Kreta -Frage im griechen-freundlichen Sinne zu empfehlen. Nachdem er dann mit mir und Jenischgesprochen, ist er geschickt umgeschwenkt. Drei Wochen lang habe ich michbemüht, S. M. davon zu überzeugen, daß wir nichts für Griechenland tunkönnten, solange die Kreta -Frage nicht gelöst und die Möglichkeit vonSchwierigkeiten zwischen Griechenland und der Türkei vorhanden ist.Trotzdem ist uns der Kaiser, der die Richtigkeit des obigen Grundsatzesvoll anerkannt hatte, in den letzten Tagen wieder durchgegangen, indemer dem König und dann Theotoki einen Admiral anbot und auf die Flotten-frage zurückkam. Theotoki, der ja selbst zu klug ist, um nicht zu sehen, daßjede griechische Machenschaft mit Deutschland sofort Englands Wider-stand und damit Schwierigkeiten wegen Kreta hervorrufen würde, hatselbst ausweichend geantwortet und den Kaiser auf später vertröstet. Ichhabe alles dies in meinem Berichte nicht sagen können, sondern in einerkleinen, aber frommen Geschichtsfälschung den Kaiser als den großen,weisen Mann erscheinen lassen. Wenn S. M. meine Berichte liest, möchteich aber beinahe annehmen, daß er nachträglich sich freut, so logisch ge-sprochen zu haben, besonders, wenn ihm der R. K. bei sich bietender Ge-legenheit zu seiner Weisheit gratuliert. Korfu war sehr interessant, abernicht immer angenehm. Die Griechen sind dieses Mal besser behandeltworden. Jenisch hatte zum Schluß Angst vor Brindisi und der Absicht desKaisers, Tittoni den Kopf zu waschen. Was mag daraus geworden sein ?"

Die Zweifel des Gesandten von Wangenheim an der Opportunität der vonSeiner Majestät auf Korfu betriebenen Politik waren nicht ganz unberechtigt.