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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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BÜLOW, DER ANGEBLICHE SOZIALIST

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Während Kaiser Wilhelm im eigentlichsten Sinne des von Bismarck geprägten Wortes auf der Basis der Phäaken in Korfu schöne Tage ver-lebt hatte, waren meine Aufmerksamkeit und meine Bemühungen ganzüberwiegend auf die große Forderung des Tages, die Reichsfinanzreform,gerichtet gewesen. Die Stimmung im Lande wurde der Reform in der vonmir vorgeschlagenen Form, d. h. mit der Erbschaftssteuer, immer günstiger.Ich bemühte mich, und nicht ohne Erfolg, diese Stimmung durch Rück-sprachen mit einflußreichen Männern des Erwerbslebens aus allen Kreisenund Parteien zu beleben und zu vertiefen. Ich empfing in dieser Zeit biszehn und zwölf Personen an einem Tage zu Einzelunterredungen. Auf wei-tere Kreise suchte ich durch Schreiben und Telegramme zu wirken, die inder Presse veröffentlicht wurden. Auf ein Telegramm des AbgeordnetenBassermann, in dem er mir im Namen der Nationalliberalen Partei vollesVertrauen und unbedingte Unterstützung zusagte, erwiderte ich:Stärkerals die Sorge um die sich türmenden Schwierigkeiten ist in mir der festeGlaube an des deutschen Volkes Zukunft. In dieser Zuversicht werde ichunverzagt an dem begonnenen Reformwerk weiterarbeiten und freue mich,dabei Ihrer Unterstützung sicher zu sein." Ahnliche Kundgebungenergingen in allen Richtungen und nach allen Teilen des Reichs.

Am 20. April hatte ich im Kongreßsaal des Reichskanzlerpalais Depu-tationen aus Bayern, Sachsen, Baden, Württemberg und Thüringen emp- BUlowfangen. Unter ihnen befanden sich hervorragende Männer des Wirtschafts - empfängtlebens, Wortführer und Vertrauensmänner weiter Schichten des deutschen DeputatiVolks. In einer längeren Rede, die ich an die um mich versammelten Herrenhielt, betonte ich, daß ich in ihnen nicht Sprecher bestimmter Parteiensähe, sondern Männer, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegeund die deshalb die Reichsfinanzreform nicht als eine Parteifrage betrach-teten. Ich warnte vor dem Doktrinarismus und seinem SchlagwortWideralle Monopole!" Das sei eine Phrase, die ihre Bedeutung verliere im Zeit-alter der Kartelle und Trusts. Ich mahnte die Landwirtschaft, nicht zu ver-gessen, daß ich gerade ihre Interessen mit der größten Gewissenhaftigkeitgefördert hätte. Ich ermahnte die Konservativen, die Stimmen aus demMittelstand nicht zu überhören. Meine Ausführungen wurden von diesenernsten Männern mit Zustimmung aufgenommen und nach jedem Satzdurch Beifall unterbrochen. Insbesondere fand mein Standpunkt in derFrage der Erbanfallsteuer volle Zustimmung. Mit Wehmut erinnere ichmich heute an einen Passus in meinen damaligen Ausführungen. Ich wandtemich in meiner Ansprache gegen den Vorwurf des Sozialismus, der mir vonKonservativen gemacht worden war, weil ich einem aus allgemeinen Wahlenhervorgegangenen Parlament wie dem Reichstag die Erbschaftssteuer indie Hand geben wolle. In diesem Zusammenhang sagte ich:Solange die