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WESTARP
eine dritte Lesung stattfinden. Die Hauptstütze des Führers Heydebrandbei seiner Wendung gegen mich war Graf Cuno Westarp. Er stammte ausder unebenbürtigen Ehe eines Prinzen von Anhalt-Bernburg-Schaumburg-Hoym mit einem bürgerlichen Fräulein Westarp. Er sprach leicht undflüssig, aber ohne zu packen, auch ohne neue Gedanken zu entwickeln,bisweilen bissig, nie witzig, meist klar, niemals tief. Er schrieb eine behendeFeder, aber immer banal. Er gehörte zu den Politikern, die an enttäuschtemEhrgeiz leiden und dadurch etwas Bitteres, unter Umständen Verbissenesbekommen. Man hat ihn mit einem zu früh pensionierten Polizeikommissarverglichen. In der Tat war er in jüngeren Jahren erst Polizeidirektor, dannPolizeipräsident von Schöneberg gewesen, vorher Hilfsarbeiter eines Land-rats, dann selbst Landrat in Bomst , einer Kleinstadt im BegierungsbezirkPosen, an der faulen Obra, einem der verrufensten Nester des Ostens,wenig geeignet, Lebensfreude zu erwecken. Westarp hatte es nie zum Be-gierungspräsidenten bringen können und betrachtete das als ein ihm wider-fahrenes schweres Unrecht. Nicht ganz ohne Grund, denn er war fleißig,pünktlich, akkurat. Ich war ihm vor seinem Eintritt in den Beichstag niepersönlich begegnet, hatte aber seine dienstlichen Qualitäten rühmen hörenund regte wiederholt im Ministerrat seine Beförderung zum Begierungs-präsidenten an, stieß aber immer auf Widerspruch bei meinen Kollegen.Der blasse, verdrossen dreinschauende Westarp galt im Ministerium desInnern für einen Streber und war dort als solcher unbeliebt. Westarp wardurch eine Nachwahl in den Beichstag gekommen. Nach dem Tode deskonservativen Abgeordneten von Gersdorff gaben alle deutschen Parteiendes Kreises Meseritz -Bomst ihm ihre Stimme, und er siegte mit gut zwei-tausend Stimmen Mehrheit über seinen polnischen Gegenkandidaten. Umso unverantwortlicher war es von ihm, daß er die Politik von Heydebrandunterstützte, der mit Hilfe der Polen den entschiedensten und konsequen-testen Vertreter einer kräftigen Ostmarkenpolitik zu Fall brachte.
Am 26. Juni trat ich die Beise nach Kiel an. Vor meiner Abreise vonBülows Reise Berlin suchte mich der Staatssekretär des Innern Herr von Bethmannnach Kiel Hollwegauf. Ich habe Hamlet gelesen und auf der Bühne gesehen, bin auchim Leben mancher schwankenden Gestalt begegnet, aber keiner schwan-kenderen als Bethmann Hollweg. Wünschte er mein Nachfolger zu werden ?Wollte er es nicht? Sicher bin ich mir darüber auch heute nicht. Fast indemselben Atemzug sagte er mir, daß er mich dringend bäte, von ihm abzu-sehen, dann wieder riet er mir von Schorlemer ab, „der katholische Scheu-klappen trägt", und warnte mich vor Bheinbaben, der in unruhigemEhrgeiz es kaum erwarten könne, Beichskanzler zu werden. Er war ganzZweifel, Sorge und Angst, aber mit einem Untergrund von Strebertum undhoher Meinung von der eigenen Vortrefflichkeit. Er bat, mich bis an die