HEYDEBRAND BEREUT
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hochverdienten Fürsten Bülow aus dem Amt zu bringen. Es half ihnen dasnicht viel. 1907 hatten, wie ich schon erwähnte, die bürgerlichen Parteienin Sachsen dreizehn Sitze erobert; 1912 sollten sie fast alle diese Sitzewieder an die Sozialdemokratie verlieren. Heute pendelt Sachsen zwischeneiner rein sozialistischen und einer soziahstisch-kommunistischen Regierunghin und her und ist zeitweise sogar der Tummelplatz des deutschen RinaldoRinaldini, des Herrn Max Hölz , geworden.
Heydebrand, der fühlen mochte, einen wie großen Fehler er begangenhatte, benutzte die dritte Lesung der Finanzreform, am 10. Juli, um sichnach Möglichkeit reinzuwaschen. Seine Rede war dialektisch recht ge-schickt. Aber die Wahlen von 1912 sollten beweisen, daß es Fälle gibt, woalle Rabulistik versagt. Heydebrand spendete mir, dem „hochverdienten"Kanzler, hohes Lob. Die Konservative Partei würde nie vergessen — hierrief die Linke: „Daß Sie ihn gestürzt haben!" — Heydebrand replizierte:„Nein, sondern was dieser Staatsmann für uns gewesen ist. Dieser Saalist oft genug Zeuge gewesen, mit welch hinreißender Klarheit und Geistes-schärfe dieser bedeutende Mann die Interessen des Landes und des ganzenReichs nicht bloß im Innern, sondern auch nach außen hin vertreten hat."Die Konservativen würden niemals vergessen, was dieser Kanzler auch fürdie wirtschaftlichen Interessen des Landes, deren Schutz und Sicherheitgetan hätte, mit welcher „niederschlagenden Beredsamkeit" er der sozial-demokratischen Partei entgegengetreten wäre. Besonders aber erkenne dieganze Konservative Partei einmütig und dankbar die „männliche und festeArt" an, mit der Fürst Bülow so oft vor die Person des Kaisers und Königsgetreten sei. Mit sichtlicher Verlegenheit und gegen seine Gewohnheit infast stockendem Tone suchte Heydebrand das Zusammengehen der Kon-servativen mit den Polen wenn nicht zu rechtfertigen so doch zu beschöni-gen. Dies Zusammengehen sei „ein mehr zufälliges" gewesen. Die Kon-servativen würden nach wie vor für die deutsche Kultur im Osten eintreten,sie würden, wenn es sein müsse, für diese Kultur „bis auf den letzten Mann"fallen. Vierundzwanzig Stunden nach diesem sehr schwachen Rechtferti-gungsversuch erklärte das offizielle Organ der polnischen Fraktion, der„Dziennik Berlinski", im Namen und Auftrag der Polenpartei: „Wir er-klären mit allem Nachdruck, daß die polnischen Mitglieder des Reichstagsmit ihrer Abstimmung, die das Schicksal der Vorlage über die Erbschafts-steuer entschied, einzig und allein die Beseitigung des Fürsten Bülow er-zielen wollten." In der Tat war, wie bereits bemerkt, die Erbanfallsteueram 24. Juni mit 195 gegen 187 Stimmen abgelehnt worden, d. h. mit einerMehrheit von nur acht Stimmen. Ohne die Hilfe der polnischen Stimmenwäre die Erschaftssteuer durchgegangen. Der Sprecher der Wirtschaft-lichen Vereinigung, der Abgeordnete Raab, folgte dem Vorbild des