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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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EINE VERFEHLUNG

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vatismus

mit sich reißt, die ist ihm wohl ganz versagt. Seine Frau erzählte mir einmal,welche stunden- und tagelangen Schmerzen ihm die Vorbereitung jederRede mache."

Professor Hermann Oncken, der Biograph von Rudolf von Bennigsen ,übersandte mir einen von ihm veröffenthchten Artikel über die innere Lage Liberalismusin Deutschland . In meiner Antwort führte ich im Hinblick auf manche und Konser-irrigen Anschauungen, die in liberalen Kreisen über meine innerpolitischenRichtlinien bestanden, das Nachstehende aus:Ich weiß, daß in liberalenKreisen mein konsequentes und bewußtes Eintreten für die Landwirtschaftund die Rücksicht, die ich in politischen Fragen auf die konservative Parteigenommen habe soweit dies im Rahmen des Gesamtwohlsmöglich war!, vielfach getadelt worden ist. Die Gründe, die michhierbei geführt haben, sind nicht auf Erziehung, Tradition, Influence dumilieu zurückzuführen, sondern darauf, daß ich an leitender Stelle es fürmeine Hauptpflicht betrachtet habe, die spät und mühsam errungeneWeltstellung des deutschen Volkes zu sichern. Ein überstürzter Übergangzum reinen Industrie- und Handelsstaat unter Vernachlässigung und Zu-rückdrängung der Landwirtschaft würde in Deutschland meines Erachtensähnlich wirken wie in einem Segelschiff die Entfernung des Ballasts beifortgesetzter Erhöhung der Masten und immer fortschreitender Ver-mehrung der Segel. Solange die Sozialdemokratie so dogmatisch, sounpolitisch und unnational bleibt, wie sie es leider in Deutschland in ihrerMehrheit noch ist, und solange sie ihren gegenwärtigen überragendenEinfluß auf den Industriearbeiter behauptet, bedürfen wir doppelt desGegengewichts der ländlichen Bevölkerung. Und solange es den liberalenParteien noch schwerfällt, losgelöst von überkommenen Theorien prak-tische Politik zu treiben, können wir nicht das Kapital von politischerEnergie und Erfahrung missen, über das die Konservativen verfügen. Daßich aber andererseits die Mitwirkung des Liberalismus in unserem öffent-lichen Leben für nützlich und für notwendig halte, habe ich durch die Tatbewiesen, durch meine Amtsführung wie durch meinen Rücktritt. Von derPolitisierung der Liberalen und der Modernisierung der Konservativenverzeihen Sie die beiden unschönen Fremdworte hängt unsere Zu-kunft ab."

Wie ich bei der Schilderung meiner Abschiedsaudienz imGrünen Hut"schon erwähnte, bezeichnete Wilhelm II. gegenüber den Vertretern dergrößeren Bundesstaaten als eine meiner schweren Verfehlungen, die ihnzum Bruch mit mir genötigt hätten, die Tatsache, daß das AuswärtigeAmt (nicht etwa auf meine Veranlassung, sondern aus eigenem Antrieb)den Legationsrat vom Rath für den Charakter als Ministerresident inVorschlag gebracht hatte, nebenbei gesagt ein sehr bescheidener Gnaden-