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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DAS STUBENMÄDCHEN IN WINDSOR

beweis. Ich lasse jetzt einen Brief folgen, den Herr vom Rath am 28. Juni1909 an einen Herrn meiner Umgebung richtete und aus dem hervorgehendürfte, daß dieser von Wilhelm II. so ungnädig beurteilte, übrigens nichtlange nach meinem Rücktritt verstorbene Beamte Menschen und Dingerichtiger sah als die Männer, denen der Kaiser sein Ohr lieh:Erstheute erfahre ich in meiner ländlichen Abgeschiedenheit, daß der Kanzlerseinen Abschied erbeten hat und daß dessen Annahme zu erwarten ist. Imersten Moment überwiegt das Gefühl der Befriedigung über diesen Schrittdes Kanzlers sogar die Besorgnis, was nun werden soll. Letztere ist aller-dings groß. Wo ist der Erbe des Vertrauens, das Fürst Bülow bei denFreunden, und der Achtung, die er bei den Gegnern erworben hat ?! AberBefriedigung empfinde ich darüber, mit meinem Namen und nach besterÜberzeugung für die auswärtige und innere Politik eines Staatsmanneseingetreten zu sein, der seiner Uberzeugung bis zuletzt treu gebheben ist.Des Kanzlers Bestreben, die Konservativen zu modernisieren und dadurchin führender Stellung zu erhalten, scheitert an ihrer eigenen kurzsichtigenInteressenpolitik, die sie im Volke, nicht nur bei der Masse, verhaßt macht.Die Bülowsche Politik des letzten Jahres hatte die Zahl der roten Mitläufernoch weiter dezimiert und der sozialdemokratischen Partei die wirksamstenSchlagworte entzogen, denn diese Politik war kräftig, gesund und kon-stitutionell. Unter dem Block hat die demokratische Linke sich zu einergemäßigten liberalen Partei gemausert, durch die Opposition gegen dieheutige Majorität wird sie an den äußersten Unken Flügel herangedrängtwerden. Die für die Gesamtheit so nützlichen Nationalliberalen werdenkaltgestellt und von gesetzgeberischer Mitarbeit ausgeschaltet werden."Im Pressebüro diente während meiner Kanzlerzeit in den letzten JahrenDr.Riezler- ein jüngerer Beamter, Dr. Riezler, der sich durch lebhaft zur SchauRüdorßer getragene Bewunderung für mich hervortat. Er übertrug nach meinemRücktritt diesen Enthusiasmus auf meinen Nachfolger, übrigens nachdemer mir korrekterweise schriftlich seinen ehrfurchtsvollen Dank für dasWohlwollen dargebracht hatte, das ich ihm während der Jahre gezeigthätte, wo er das Glück gehabt habe, unter mir zu arbeitenund zu lernen".Die Kaiserin Friedrich , die Geist mit Humor verband, erzählte gern, siehabe einmal bei einem Rundgang durch die herrlichen Gemächer vonWindsor ein Stubenmädchen bemerkt, das bitterlich weinte. Sie frug dasarme Kind, ob sie etwa ihren sweet-heart, ihren Liebsten, verloren habe.Das Mädchen antwortete, nicht ohne eine gewisse Entrüstung:Oh no!It is not for love, that I feel unhappy. Thank to God I can love any man."Riezler gehörte zu den strebsamen Leuten, die jeden heben können undjeden heben, der das Füllhorn der Gnaden in der Hand hält. Er verleugneteaber seine Dankbarkeit für mich, als er nicht lange vor dem Ausbruch des