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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE GÜTIGE HAND

zu tief, erfüllt mich zu sehr mit Gefühlen der Wehmut und Sorge. Ab-gesehen von dem persönlichen Bedauern, mit dem ich den Verlust einesverehrten Vorgesetzten beklage, stellt sich dem Patriotismus die Frage:Wie wird das Staatsschiff die führende Hand des bewährten Steuermannsentbehren können? Und Sie selbst werden das alte Haus in der Wilhelm-straße, in dem Sie sich ein so schönes Heim geschaffen, schließlich auchnicht ohne Wehmut verlassen. Die langen Jahre, die Sie es bewohnten,haben neben vielfacher Last Ihnen doch auch manche Freude und reicheErfolge gebracht, und es knüpft sich daran die Erinnerung so vieler schöner,harmonischer Stunden, die Sie sich und anderen zu bereiten wußten. Ichselbst habe so oft an dem Genuß, in Ihrem Kreise zu weilen, teilnehmendürfen, daß ich Ihnen dafür, wie für alle Güte, die Sie mir erwiesen haben,heute nochmals meinen innigsten Dank sagen muß! Auch möchte ich Siebitten, dem Fürsten mit dem aufrichtigsten Bedauern über den Verlust,den wir erleiden, den Ausdruck meiner treuesten und tiefgefühlten Dank-barkeit für das reiche Maß von Wohlwollen zu übermitteln, das er mir stetshat zuteil werden lassen von dem Augenblick an, da ich vor vierzehn Jahrenhier als Attache eintrat, bis heute, wo ich, geführt von seiner gütigen Hand,mich auf diesem schönen Posten befinde. Ich werde diese Dankesschuldnie vergessen! Ein kleiner Trost ist die frohe Aussicht, Sie nun im Winterin der Ewigen Stadt begrüßen zu können! Ganz Rom freut sich mit mirdarauf. Mit dem Ausdruck meiner treuen und dankbaren Verehrung für Sieund den Fürsten bleibe ich, gnädigste Frau Fürstin, stets Eurer Durch-laucht gehorsamster Jagow."

Ich muß leider feststellen, daß diese Versicherungen treuester undtiefgefühlter Dankbarkeit, denen Gottlieb Jagow so gefühlvollen Aus-druck gab, nicht standhielten, als sie im Winter 1914/1915 auf die Probegestellt wurden. Jagow hatte sich willig von meiner gütigen Hand ausbescheidenen Niederungen auf die Höhe der großen Stellung eines Bot-schafters führen lassen. Dort angelangt, verleugnete er in entscheidenderStunde die Dankesschuld, die er früher gern betonte. Ich bedaure dasnicht für mich, der ich persönlich Trost in dem erleichternden Gefühlgründlicher Mißachtung zu finden gelernt habe, wohl aber für das Vater-land, dem, wie ich später darlegen werde, das Verhalten des Staatssekretärsvon Jagow gegen mich schweren Schaden gebracht hat.

Jagow hatte einen gleichaltrigen Freund, Johannes von Flotow .Johannes Arcades ambo. Sie hatten zusammen die Ritterakademie in Brandenburg von Flotow an (J er Havel besucht. Beide hatten dann feudalen Korps angehört, Jagowden Bonner Borussen, Flotow den Saxoborussen in Heidelberg. Sie warengleichzeitig in den diplomatischen Dienst eingetreten. Sie glichen sich auchin Kränklichkeit und ständiger Sorge um die eigene Gesundheit. Sie hatten