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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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EINE LUSTSPIELSZENE

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beide etwas Stilles und Scheues, waren aber innerlich Streber in des Wortesverwegenster Bedeutung. In der schwärmerischen Liebe, die sie verband,glichen sie den herrlichen Jünglingen der Aeneis , Nisus und Euryalus, denenVirgil ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat:

Fortunati ambo. Si quid mea carmina possuntNulla dies unquam memori vos eximet alvo,Dum domus Aeneae Capitoli immobile saxumAccolet, imperiumque pater Romanus habebit.

Freilich waren Jagow und Flotow lange nicht so schön wie die Heldender Aeneis . Sie hatten beide, als sie sich, spät, als angehende Fünfziger,unter Hymens sanftes Joch beugten, gleichaltrige Wahlen getroffen.Jagow führte eine einundvierzigj ährige Jungfrau, Flotow eine neunund-vierzigj ährige Witwe zum Altar. Als mein Personaldezernent hatteFlotow während der letzten Monate meiner Amtszeit meine Geduld undmeine allerseits anerkannte, bisweilen mir sogar vorgeworfene Höflich-keit auf eine schwere Probe gestellt, weil er durchaus vor meinem Rück-tritt noch rasch einen Gesandtenposten erhaschen wollte. Zu diesem Zwecksuchte er bald diesen, bald jenen Gesandten aus seinem Nest zu ver-scheuchen, um sich selbst hineinzusetzen. Er hatte sein Auge zunächst aufMünchen geworfen, wo damals als Gesandter Karl von Schlözer wirkte,ein Neffe des ausgezeichneten langjährigen Gesandten in Washington undbeim Vatikan Kurd von Schlözer , bekannt durch seine wertvollen histo-rischen Abhandlungen über die Beziehungen zwischen Friedrich demGroßen und Katharina II. und über die Geschichte der deutschen Ostsee-länder, noch bekannter durch seine reizenden römischen Briefe, vor allemallgemein geachtet wegen seiner unerschütterlichen Treue für Bismarck,dem er einst in St. Petersburg ein unbequemer Untergebener, später eintüchtiges diplomatisches Werkzeug war und dem er nach dessen Sturz dieTreue hielt. Sein Neffe, Karl von Schlözer , hat auch ein hübsches Buchgeschrieben, die HumoreskeAus Dur und Moll". Er war, wie sein Onkel,sehr witzig. Als er sich in Kairo mit einer hebenswürdigen Rheinländerinverlobte, zeigte er mir dies mit den Worten an:Auch ich habe meineSchlacht an den Pyramiden gewonnen." Als ich zurücktrat, dankte er mirganz besonders, daß ich ihn vorgiftigen Floh-tow-stichen" geschützt hätte.Als Flotow sah, daß München nicht für ihn zu erlangen war, wandte er seineBlicke nach Karlsruhe, der badischen Residenz, weniger glänzend als Mün-chen , aber auch ein behagheher Posten. Das führte zu einer Szene, die fastetwas Lustspielartiges hatte. Der preußische Gesandte in Karlsruhe , Herrvon Eisendecher, der dort seit einem Vierteljahrhundert tätig war,fühlte, als er seine silberne Hochzeit mit der badischen Hauptstadt feierte,