BÜLOWS GUTES GEDÄCHTNIS
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Schaden des Staates veröffentlichen konnte, und zweitens weil es —wofür gerade Eure Majestät das größte Verständnis haben werden — nichtgentlemanlike gewesen wäre, einen Mann, mit dem man dreißig odervierzig Jahre Beziehungen gehabt hat, zu schneiden, weil er gestürzt ist.',Bcrnhard war nicht mehr derselbe. Er war vergeßlich geworden seit seinemUnfall im Reichstag, er hatte auch vergessen, daß ich den ganzen Inhaltdes Interviews mit ihm in Norderney besprochen hatte, daß er meinenBrief an meine Großmutter mit dem Feldzugsplan selbst korrigiert hatte.',Aber, Euer Majestät, ich habe gar nichts gemerkt von Vergeßlichkeit,Bernhard war jetzt lebhafter und brillanter denn je.' ,Ja, das ist in derKonversation, in den Geschäften wußte er manchmal nicht, was wir denTag vorher besprochen hatten.' ,Darüber kann ich mir ja kein Urteilanmaßen, aber wenn dem so wäre, wenn, wie Eure Majestät glauben, dasdie unglückliche Folge seiner Ohnmacht im Reichstag wäre, so könnte dasdoch nur ein Grund für Eure Majestät sein, Bernhard jetzt um so milderzu beurteilen.' ,Auf diese Brücke bin ich auch getreten, sonst hätten wiruns schon gleich getrennt. Darum ist es noch so lange gegangen. Aber dieKonservativen haben mir ja gesagt, als ich ihnen vorhielt, wie sie sichunterstehen könnten, der Krone Opposition zu machen, sie hätten denKanzler nicht unterstützen können, der mich so im Stich gelassen hätte.'Hier unterbrach uns der König, weil es Zeit war, zur Illumination zu fahren.Der Kaiser sprach aber noch lebhaft auf mich ein, um sich — ich kann esnicht anders ausdrücken — zu rechtfertigen, bis der König ein zweites Malkam, worauf der Kaiser etwas unwilhg abbrach und folgte. Ich mußbilligerweise hinzufügen, daß der Kaiser sich nicht unzugänglich zeigte,daß er mich ruhig ausreden Üeß und meinen Widerspruch durchaus nichtungnädig aufnahm. Die Umstehenden, darunter Minister Metzsch, hattendie lange Unterredung mit größter Spannung beobachtet: ich hätte ein soernstes Gesicht gemacht und so eindringlich gesprochen, daß man wohlbemerkt hätte, daß wir uns keine Späße erzählten. Leider habe ich nichtDein angezweifeltes herrliches Gedächtnis, und Du mußt Dich nur mit denUmrissen begnügen, die ich behalten habe. Der Kaiser, der den Tag übersehr guter Laune gewesen, war auf dem Schiff, von dem aus die Illuminationbetrachtet wurde, auffallend ernst, in seinen Mantel gewickelt, sprach michauch nicht wieder an. Valentini, dem ich einiges erzählte, sagte mir: ,Wirkönnen Ihnen nur dankbar sein, wir geben uns ja alle die größte Mühe, denKaiser von seiner falschen Ansicht abzubringen. Und was das Gedächtnisbetrifft, so ist das eine alte, haltlose Geschichte, kein Mensch hat ein solchesGedächtnis wie der Fürst Bülow . Wir tun natürlich alles, damit dieseschiefen Urteile nicht in weiteren Kreisen bekannt werden. Sie werdensehen: wenn der Fürst zur Konfirmation der jungen Prinzeß nach Berlin
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