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VIEL EXTREMERE BESCHLÜSSE
der Geschichte nicht bange zu sein brauche, würde ich mich hoffentlichnicht auf den Beifall der Liberalen verlassen. Das Wort, daß die Liberalenden Nachruhm machten, sei nur mit Einschränkung wahr. An Caprivi habees sich zum Beispiel nicht bewährt. Der Staatssekretär habe ihm meinenBrief gezeigt, dessen klare Widerlegung der schweren Irrungen in den• gegenwärtigen Preßtreibereien diesen den Weg zur Geschichte verlege. DasWort über den Nachruhm war, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht,vom „Berliner Tageblatt" geprägt worden; der Hohn über den armenCaprivi klang nicht schön im Munde von Hammann, der seine Karrierenach dem Sturze von Bismarck als treuer Knappe des zweiten Kanzlersbegonnen hatte.
Wohltuend berührte mich der nachstehende Brief des diensttuendenBodo von Kammerherrn der Kaiserin und Vize-Oberzeremonienmeisters Bodo vondemKnesebeck <J e m Knesebeck, meines alten Regimentskameraden, der, zur irftimenüber die Umgebung der Majestäten gehörend, die November-Ereignisse aus nächsterKonfliktlose p^g ne m iterleh»t und beobachtet hatte. Er schrieb mir spontan: „Die wider-wärtigen Preßtreibereien, die ihren Ursprung darin haben, daß gewisseLeute sich reinwaschen wollen, ekeln mich so an, daß ich ganz krank davonbin. Was mich geradezu traurig macht, ist die Auffassung, die an andererStelle über die Novembertage sich gebildet hat und diesen AngriffenVorschub leistet. Das Ganze ist ein widerwärtiges Bild politischer Ge-meinheit auf der einen, des Unverstandes zum mindesten auf der anderenSeite. Du weißt, wie ich über das alles denke, wie ich seit zwanzig Jahrendie Verstimmung entstehen sah, die zu dem Ausbruch elementarer Leiden-schaft, die nur zu oft zurückgedrängt worden war, führte. Daß es heuteanders ist, verdankt man nicht zum mindesten Deiner Behandlung jenerKonflikttage. Denn ich habe heute noch die Überzeugung, daß bei derherrschenden Kopflosigkeit es zu viel extremeren Beschlüssen gekommenwäre, wenn das Parlament durch den Verlauf der Dinge das Vertrauen inden Reichskanzler verloren hätte. Es hätte dann selbst seine Sache in dieHand genommen und unter Umgehung der ersten Beamten des Reichsdirekt an die Krone appelliert. Die Konservativen, die ja überhaupt amweitesten in der von Partei wegen formulierten Kritik gegangen waren, hättendas, ihrer ganzen Haltung nach, mitmachen müssen. Wer denkt heute nochdaran, daß Du, als Du am 11. November aufstandest, um die Verantwortungauf Dich zu nehmen, in der Verteidigung der Krone niemand und nichtshinter Dir hattest? Weder den Bundesrat, noch eine Partei, noch einMitglied des Reichstages. Du warst ganz allein auf Dich angewiesen. DieseSituation zu beherrschen, ist nicht so leicht, wie nachträglich an allem inselbstsüchtiger Absicht Kritik zu üben. Ich weiß nicht, ob ein Staatsmannjemals vor eine solche Aufgabe im parlamentarischen Leben gestellt worden